
Modest Mouse
Verliebt, verlobt, verheiratet
23.04.2007, 06:00, Text:
Felix Scharlau
Modest-Mouse-Sänger Isaac Brock sitzt auf dem Dachboden seines Hauses in Portland, Oregon und isst ein Sandwich, als mein Anruf kommt. “Vorhin habe ich mir einen Textilfarbton zum Klamottenfärben ausgesucht – bis jetzt kein sehr aufregender Tag”, heißt es zur Begrüßung. Seiner Hoffung auf Besserung kann ich nur bedingt entsprechen.
Auch ich will mit meinen Fragen vor allem den Popkultur-Coup 2006 durchleuchten, der für Isaac bereits langweiliger Alltag ist: The-Smiths-Gitarrist Johnny Marr – festes Bandmitglied bei Modest Mouse. Selbst gedruckt sieht das 2007 immer noch unglaublich aus.
Am Anfang des Gesprächs ist Platz für Verwunderung: Der Kopf der vielleicht unverwechselbarsten Rock-Band der letzten 15 Jahre galt bislang zu Recht als scheu, promofaul und schwierig. Am Telefon wirkt der selbst ernannte “problem magnet” Isaac Brock bisweilen aber beinahe interessiert an dem, was ich wissen will. Das war anlässlich des letzten Albums “Good News For People Who Love Bad News” noch anders. Damals produzierte Brock eine Art Promotional Video, in dem er sich als schnurrbärtiger Deppen-Journalist selbst Fragen stellte. Die dümmsten, die er im Zuge der Veröffentlichung des Albums noch auf sich zukommen sah.
Ich habe mir das Video heute noch mal angesehen und wieder mal Tränen gelacht. Macht dich das jetzt wütend?
Ach, Quatsch, das ist kein Problem. Für das Album damals war es mir nur sehr wichtig, einige Fragen nicht gestellt zu bekommen. Deshalb habe ich sie selbst schon mal vorweg beantwortet. Aber ich wollte damit keinen Berufsstand verunglimpfen.
Reden wir über euer neues Bandmitglied: Es stand überall zu lesen, dass du Johnny Marr kontaktiert hast, weil sein Vorgänger Dann Gallucci so Smiths-beeinflusst war. Hattest du so große Angst vor stilistischer Veränderung bei Modest Mouse, dass es das vermeintliche Original sein musste?
Fairerweise muss man zunächst sagen, dass Dann natürlich auch für viele andere Gitarristen schwärmte. Als er dann die Band verließ, war ich schon etwas aufgeschmissen, wen ich fragen könnte, und da fiel mir eben Marrs unverwechselbar flüssiger Gitarrenstil ein. Das ist genau so, wie ich nicht spiele – ich spiele sehr abgehackt. Und dieser Kontrast in der Band nötigt mich automatisch, noch unterschiedlicher zu spielen, als ich es sonst würde. Ein Prinzip, das viel vom Wesen von Modest Mouse generiert.
Die Band hat ja in den letzten 14 Jahren so viele Line-up-Wechsel gesehen – fällt einem eine solche Situation eigentlich mit der Zeit leichter, oder steht man jedes Mal wieder vor dem gleich großen Scherbenhaufen?
Nein, das nimmt man schon immer sehr unterschiedlich intensiv wahr. Du darfst nicht vergessen, es gab ja auch Wechsel, bei denen Leute hinzukamen, die wie Tom Peloso sehr viele Instrumente spielen können. Das bedeutet natürlich im Gegenteil eine Aufbruchstimmung für eine Band, weil sich viel mehr Möglichkeiten ergeben. Dann gab es aber auch Ausstiege, die sehr hart waren und einen Kampf bedeuteten. Nicht ganz leicht, so was.
Aber gab es jemals einen Punkt, an dem du Angst hattest, die spezielle Chemie in Modest Mouse könnte durch einen Wechsel schlicht verschwinden? In eurer Musik spielt ja die Strophe bzw. der Refrain eines Songs selten die wichtigste Rolle, es geht ja immer vor allem um eure sehr spezifische Songästhetik.
Als Schlagzeuger Jeremiah Green uns verlassen hatte – er kam später ja wieder zurück –, war ich sehr besorgt um Modest Mouse. Aber dann kam eben ein Benjamin Weikel, der sehr anders spielte als Jeremiah. Solange so was keinen Systemwechsel bedeutet, kann ein Ausstieg potenziell immer sehr viel Positives an sich haben.
Ehrlich gesagt: Ich höre Johnny Marr an keiner Stelle auf dem neuen Album heraus. Das Gesamtkonzept Modest Mouse scheint sich die kreative Energie jedes Einzelnen ja mal wieder sehr resolut einverleibt zu haben.
Da hast du recht. Modest Mouse sind zwar eine Band voller Individualisten, aber das hört man hinterher nicht. Was man hört, ist immer Modest Mouse. Das ist, was mich am glücklichsten macht.
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