
Dinosaur Jr.
Jenseits von Reden
23.04.2007, 06:00, Text:
Klaus Walter, Foto: Brantley Gutierrez
“Hätte ‘Beyond’ nicht genauso gut in den 80er-Jahren entstanden sein können?” – “Nein, das konnte so nur jetzt gemacht werden. So haben wir das jetzt gemacht, so sind die Songs rausgekommen.” Klar, blöde Frage, das Leben kommt eben so raus, wie es kommt, auch bei Dinosaur Jr. Aber: Ist Anachronistisch in 2007 das neue Chronisch? Egal. Tolle Platte, vergebliche Gesprächsversuche mit J Mascis.
Beim Schreiben “Beyond” gehört. Laut. Mit jedem Durchgang besser. So was geht sonst nie. Warum hier? Frühling der Dinosaurier. Erst veröffentlichen die Zimmermänner, Flowerpornoes und Stooges neue Alben, jetzt Dinosaur, die sich vor 20 Jahren einen Junior an den Namen hängen mussten, weil es eine Band mit Namen Dinosaur bereits gab, bestehend aus ehemaligen Musikern von Grateful Dead. Bei der alten Mutter aller Hippiebands könnte J Mascis inzwischen gut den verblichenen Jerry Garcia vertreten. Die unvermindert langen, wolligen Haare ergraut, die Bewegungen verlangsamt vom schwerer gewordenen Körper, die Klamotten aus dem Thrift Store. Eine übergroße Brille dient weniger dem besseren Sehen als dem schlechter Gesehenwerden. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man versucht, mit J Mascis zu reden. Man muss das versuchen, weil es die komische Ökonomie des Popgeschäfts vorschreibt. Story gegen Interview. Titelstory gegen ganzseitige Anzeige – war mal ein Flowerpornoes-Titel.
Warum kann man diesen ziemlich unglücklich wirkenden, leider auch noch erkälteten und offensichtlich sprechmüden Mann nicht einfach in Ruhe lassen? In Ruhe das machen lassen, was er am besten kann: Dinosaur-Jr-Musik aus seiner Dinosaur-Jr-Gitarre zerren, die Gitarre, die er spielt, wie er sie spielt, weil er mit dem Schlagzeug angefangen hatte und die Gitarre dann behandeln musste wie ein Schlagzeug; mit seiner ewig anfeminierten, ewig unterschätzten Dinosaur-Jr-Stimme in die Seele ewig melancholischer und ewig vernünftiges Altern verweigernder Jungs (Mädchen? – schwierig) singen. Denn das beherrscht er. Heute wie damals, als “Repulsion” auf einem Homestead-Sampler zum ersten Mal den Instant-Effekt auslöste, dieses Hören-und-dabei-ein-leicht-schmerzverzerrtes-Gesicht-Machen, dabei ist es so ein süßer Schmerz. Ein gutes Jahr später “Freakscene”. Zu einer Zeit, als Erscheinungsdaten noch was bedeuteten, erschien die Single in der selben Woche wie “Gigantic”, Boston war plötzlich der Ort, die Pixies und Dinosaur Jr waren die Bands der Stunde, die Bands der Welt, der noch Unabhängigkeit versprechenden Independentwelt, Anti-Rock-Rockwelt. Weltgroß wurde später Cobain mit dem pretty Face zu “Gigantic” meets “Freakscene”. Lange her. Jetzt also Dinosaur Jr revisited, reunited. “Beyond” heißt das Album. Warum? Mascis: “Weiß ich nicht mehr.”
Nörglern macht schon das Album-Cover klar: Hier wird gar nicht erst versucht, Gegenwart zu spielen. Typografie, Motivik, Farbgestaltung – Weiß auf Schwarz macht Grau, Grün auf Pink –: alles wie damals, like the great Grunge’n’Roll-Swindle never happened. Der Dinosaurier hat seine eigene Zeitrechnung: Altmodisch ist das neue Modisch, Anachronistisch ist das neue Chronisch. Mit dem “Stiefsohn von Neil Young”-Etikett lebt Mascis ja nun auch schon seit Ewigkeiten, und wie der Stiefvater hat er sich eingerichtet in einem, nun ja, mitfühlenden Konservatismus aus Feedback, Noise, weinerlichen Melodien und Fortschrittsekel. Es gibt schlimmere und politisch fragwürdigere Nischen in America today, auch wenn Youngs Versuch, eine politische Platte zu machen, gescheitert ist. Findet auch Mascis.
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