
Tracey Thorn
Die Kinder anschreien
23.04.2007, 06:00, Text:
Hanno Stecher
[2 Kommentare]
Man neigt ja als Fan dazu, Künstlern, die man für unterschätzt hält, eine größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit zu wünschen, als sei diese per se etwas Erstrebenswertes. Tracey Thorn würde sich heute, Jahre nach der Hitsause Everything But The Girl, gegen diese Art frommer Wünsche mit Händen und Füßen wehren. Oder sie zumindest mit einem freundlichen Lachen von sich weisen.
Als Sängerin von Everything But The Girl (EBTG) hat Tracey in den vergangenen 25 Jahren bereits am eigenen Leib erfahren können, was es heißt, plötzlich unverhofft an die Oberfläche des Musikbusiness’ gespült zu werden. Sie hat miterlebt, in welche merkwürdigen Dynamiken man da geraten kann, mit welchen Missverständnissen man sich herumschlagen muss und wie schnell man aus der Musikgeschichtsschreibung rutscht, wenn man seine eigene Geschichte schreiben will.
Gleich zweimal haben sich derlei Ereignisse in ihrer Karriere zugespitzt. Das erste Mal, als sich das Projekt EBTG, das sie – geprägt vom Punk und dessen Reflexen gegen “authentische Rockmusik” – zusammen mit ihrem Freund Ben Watts ins Leben gerufen hatte, nach und nach zu verselbstständigen begann: Nach dem Erfolg in den späten Achtzigern stand das Duo plötzlich nicht mehr als Indie-, sondern als Aushängeschild des sogenannten “Sophisti-Pop” da. Dies bescherte den beiden eine mittelschwere Identitätskrise. Der zweite Knall kam Mitte der Neunziger, als ein House-Remix von “Missing” der inzwischen wieder unter “ferner liefen” rangierenden Band einen Überhit bescherte. Ben und Tracey experimentierten erneut herum, diesmal mit elektronischer (Club-) Musik, was ihnen eine große Öffentlichkeit bescherte und wiederum an einen dünnen Ast fesselte: Aus dem “Folk/Jazz”-Duo wurde das “Elektropop/TripHop”-Duo. “Die Leute glaubten einfach, sie könnten uns nun leichter greifen und in eine vorgefertigte Kiste stecken”, erzählt Tracey lächelnd beim Interview im Londoner Emi-Office, “die dachten sich: Wir stecken die jetzt in diese ‘moderner elektronischer Pop’-Schublade, und das wird’s schon tun.”
Für zwei Alben tat es das auch. Dann wurden Tracey und Ben 1998, noch während der heißen Phase des Albums “Temperamental”, Eltern von Zwillingen. Die Situation unterschätzend, nahmen sie die Kleinen mit auf Tour, was sich für Tracey bald als Fehler herausstellte: “Wenn ich ehrlich bin, wäre ich damals schon glücklich darüber gewesen, eine Pause einzulegen. Aber das war schwierig: Wenn ich aufgehört hätte, hätte Ben auch aufhören müssen. Als ich noch mal schwanger wurde, musste ich mir einfach sagen: Okay, du musst jetzt aufhören.”
Tracey entschied sich, ohne jegliche Bitterkeit, für das Vollzeit-Familienprogramm. Für sie bot das Modell Hausfrau nach zwanzig Jahren Musikbusiness eine willkommene Möglichkeit zum Rückzug – wenn auch keine weniger anstrengende. Das mit der Musik überließ sie neidlos Ben, der nach wie vor als House-DJ umtriebig ist: “Durch ihn habe ich weiterhin jeden Fetzen neuer Musik mitbekommen. Als ich also bereit war, eine eigene Platte aufzunehmen, hatte ich eine ganze Liste von Leuten, mit denen ich gerne etwas machen wollte. Ich fühlte mich auf keinen Fall isoliert.”
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UweB 25.04.2007 | 10:42:30
Sehr schoener Artikel, der der wunderbaren Tracey Thorn und ihrem klasse neuen Solo Album, hatte ich letzte Woche rauf und runtergehört, gerecht wird.
Und mit sowas kann man als Leser wirklich auch was anfangen.
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