
Digitalism
Mit strahlenden Augen
23.04.2007, 06:00, Text:
Sebastian Ingenhoff
[9 Kommentare]
Melt! 2006. Von der Minimal Techno Stage hallen noch die raschelnden Snares und skelettierten Beats von Isolée und Dominik Eulberg nach. Doch kaum nähert man sich der großen offenen Zeltbühne, spürt man nur noch die erdrutschartige Basswand, die den Boden vibrieren lässt. Frankophile Filtersounds kreischen wie ein Schwarm durchdrehender Pirole.
Schwitzende Leiber zucken derweil euphorisch durch die sternklare Sommernacht. Daft Punk haben in ihren besten Tagen Körper derart zum Kochen gebracht. Die zwei Jungs, die gerade spielen, kommen aus Hamburg und heißen, so steht es auf der Bühnenrückwand geschrieben, Digitalism.
Im Nachhinein erwies es sich als goldrichtig, die beiden in jenem begehrten Slot zwischen 2manydj’s und Soulwax Nightversions platziert zu haben. Die unprätentiösen Mittzwanziger wussten nicht weniger zu begeistern als die Belgier mit ihrem Bastardpop-Theater. Dabei ist der kommerzielle Erfolg von Digitalism in Deutschland noch ziemlich überschaubar. Jens Moelle und Ismail Tuefekci werden vorwiegend im Ausland gebucht. Das liegt zum einen daran, dass sie ihre Maxis auf dem französischen Label Kitsuné veröffentlichen, zum anderen, dass sie für einen Sound stehen, welcher sich so überhaupt nicht einfügen will in das Klangspektrum der deutschen Techno/Electroszene – und dieser Sound tut ziemlich gut. Acts wie Justice, Boys Noize oder Uffie rocken gerade weltweit die Clubs in Grund und Boden. Großbritannien ravt wieder, als wäre es 1989. Und Deutschland? Lässt sich, polemisch gefragt, der despotischen Herrschaft von Minimal hier wirklich etwas entgegensetzen? Es sieht gerade zumindest ein bisschen so aus, als ginge wieder einiges in der elektronischen Musik. Minimal Techno stagniert – darüber sind sich mittlerweile viele einig, sogar die Szene-Involvierten. Da lohnt sich doch der Blick nach Frankreich und auf Labels wie Kitsuné oder EdBanger. Denn dort entsteht seit geraumer Zeit ein Sound, der so ziemlich das genaue Gegenteil von Minimal ist.
Isi: Minimal war ja eh nie so richtig unser Ding, auch wenn es da immer wieder mal gute Scheiben gibt. Aber ich kann das nicht zwei oder drei Stunden am Stück hören.
Jens: Unsere Musik ist ja auch ein bisschen offensiver. Wir stehen halt auf Höhepunkte und große Geschichten. Es muss schreien. Große Emotionen, große Momente.
I: Ich finde es gut, dass es wieder so eine Aufbruchstimmung gibt in Sachen elektronischer Musik.
J: Die Leute schmeißen natürlich gerne Acts wie Justice, Boys Noize und uns in einen Topf, weil es einfach laute Musik ist. Wir sind die nächste Generation von Leuten, die Musik machen und dabei ähnliche Einflüsse verarbeiten. Wir haben natürlich einen anderen musikalischen Background als die Leute, die Minimal machen.
Die Einflüsse heißen Garage, UK/Filter-House, Madchester, Electroclash, weniger Jeff Mills oder Richie Hawtin. Das passt ganz gut nach England, wo Isi und Jens nach Eigenaussage derzeit jedes zweite Wochenende unterwegs sind. Man erzählt sich, sie würden dort bereits verehrt wie einst Bacchus und Faunus im alten Rom. Das muss natürlich sorgfältig überprüft werden. In Sheffield spielen sie diesen Samstag im legendären Club The Plug, zusammen mit Erol Alkan und der ebenfalls auf Kitsuné veröffentlichenden Raveband The Whip. Ein paarmal durch die Gegend telefonieren, und schon geht es los. Noch am Flughafen klingelt mein Handy. Es ist meine Mum: “Junge, sei bitte vorsichtig auf diesem Rave. Nimm ja nichts von Fremden an. Und immer viel Wasser trinken, hörst du?”
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Gin_Tonic 27.04.2007 | 15:29:10
"Im Nachhinein erwies es sich als goldrichtig, die beiden in jenem begehrten Slot zwischen 2manydj’s und Soulwax Nightversions platziert zu haben."
Digitalism haben NACH 2Manydj's aufgelegt, in dem beschriebenen Slot haben Superdiscount gerockt...
FranzFerdinand 10.05.2007 | 19:15:46
Schade, daß sie unbedingt "singen" mussten - so kann man als musikliebhaber ein paar stücke gar nicht ertragen, obwohl die platte vom sound und der parataktischen rythmik her ansonsten echt nur zwischen angenehm, fett und rockt! schwankt. aber die aussagefreien texte mit drittklässler-englisch in pseudo-poser-manier (kid alex lässt grüssen) und dazu schräg da drauf lassen mir vor scham doch stellenweise die nackenhaare vor soviel naivem und dämlichen rock-aufbegehren kräuseln. schade! die instrumentaltracks sind klasse.
rockotron 12.05.2007 | 19:09:28
lackaffe
"naivem und dämlichen rock-aufbegehren"
für mich ist das auch "nicht fisch, nicht fleisch". das macht man bei ed banger besser. also, alles jetzt. insgesamt.
Pogo 18.05.2007 | 11:14:41
Für mich definitiv eines der innovativsten und abwechslungreichsten Alben derzeit. Pogo war in UK auf No. 1 der Hype- und Buzz Charts und wurde von der Presse bereits mit Joy Division verglichen. Na, die Tommy´s verstehen, was gute Songs und Texte ausmachen. ;)
ultra grey 18.05.2007 | 11:45:20
warum sollen das denn die neuen neokonservativen sein? das titelt nämlich der aktuelle kulturspiegel. ich kann das nicht nachlesen, weil man den, glaube ich, nur als abonnent bekommt.
weiche zäune 18.05.2007 | 12:17:13
love love love yeah
dafür ist wenigstens der intro artikel sehr informativ und investigativ. da war ein zeitgenössischer hunter s. thompson unterwegs, keine frage..
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