Mika

Süßer als Erdbeeren mit Mascarpone

25.03.2007, 06:00, Text: Mick Schulz

Der neue Freddie Mercury. Der neue George Michael. Der neue Beck. Oder auch: der bessere Jake Shears. Mika – bürgerlich Mica Penniman, 23 Jahre alt, in Beirut geboren, in Paris und London aufgewachsen – muss eine ganze Menge Klischees auf einmal erfüllen, um zum Popstar zu wachsen. “Next year’s boy” hat ihn der Londoner Independent in seiner Silvesterausgabe genannt.


Seine Single “Grace Kelly” rotiert im Musikfernsehen und im Netz, Paul Smith verpflichtete ihn als Model für seine Frühjahrskollektion. Ist Mika wirklich das nächste große Ding aus dem Königreich? Der erste Eindruck: Er ist noch schöner als auf den Fotos. Im Meistersaal am Potsdamer Platz steht Mika auf der Bühne. Seine Plattenfirma hat zum Showcase geladen. Es gibt Freigetränke und Erdbeeren mit Mascarpone (im Februar!), Promoterinnen verteilen Mika-Badges, das Cover seines Debütalbums “Life In Cartoon Motion” wirft der Videobeamer unter einer atemberaubenden Stuckdecke an die Wand. Mika hüpft auf der Stelle, streckt die Faust nach oben und grinst dabei wie ein Honigkuchenpferd. Wäre er ein weibliches Model, würde man ihm mit Sicherheit Magersucht attestieren. Er trägt knallgrüne Röhrenjeans, dazu Hosenträger, weißes Hemd und weiße Converse. Und er braucht nur wenige Momente, bis der Funke überspringt. “Es hat sich gar nicht wie ein Showcase angefühlt”, wird er später erkennbar glücklich über den Auftritt urteilen.
Die große Mika-Euphorie in Großbritannien ist ausgebrochen, als der Songwriter den “BBC New Music Poll 2007” und damit fast schon eine Garantie für eine steile Karriere gewann. Das Internet und die britische Musikpresse, die sich bekanntlich mehr als freudig auf jeden neuen Hype stürzt, haben die Begeisterung multipliziert und in die Welt getragen. Darum gibt Mika heute Interviews in Berlin (übernächtigt, weil er gestern bis nach ein Uhr in Paris noch eine Fernsehshow absolvieren musste), fliegt morgen für einen Day-off nach London, wo er die Familie trifft, um am nächsten Tag weitere Interviews in San Francisco zu geben. Am Wochenende wird er dann, wieder in London, das Video für die nächste Single “Love Today” drehen. Die Hoffnungen, die seine Plattenfirma in ihn steckt, müssen riesig sein. Vor gar nicht langer Zeit sah das noch ganz anders aus. Mika hatte einen Vorvertrag bei einem anderen Label unterschrieben. Er hatte auch schon einige Stücke produziert, die aber nicht erscheinen sollten – weil die Manager der Plattenfirma aus ihm lieber einen zweiten Craig David machen wollten. Eines Nachts riss Mika der Geduldsfaden, und er schrieb den Song “Grace Kelly”, den er an den Labelchef schickte. “Why don’t you like me? Why don’t you like yourself? Should I bend over? Should I look older just to be put on your shelf? Why don’t you walk out the door?” fragt er darin voller Wut und Ironie. Das Stück – dann bei Universal unter Vertrag – sollte sein Durchbruch werden.
Plötzlich waren die Vergleiche da: Beck, die Stimme von Queen-Sänger Freddie Mercury, das Überkandidelte der Scissor Sisters. Was auch daran liegt, dass sich Mikas Songs in der Tat munter (man könnte auch sagen: räuberisch) aus dem Zitatenschatz der Popgeschichte bedienen: “Ich bin fasziniert von den Solokünstlern der Sechziger- und Siebzigerjahre. Diesen Musikern ist es gelungen, ganz allein in ihrem Studio Platten zu produzieren, die klingen, als steckte eine komplette Band dahinter”, erklärt Mika – sehr selbstbewusst, sehr höflich – im Interview. “Ich liebe Bowie. Oder den frühen Elton John. Oder Prince. Was Prince erreicht hat, ist eine Befreiung. Wie er von Funk zu Rock und weiter zu Swing springen konnte, war visionär. Für mich ist dieser Weg, ein Album aufzunehmen, der einzig richtige. Nur so bin ich in der Lage, die Geschichten zu erzählen, die ich wirklich erzählen will.” Er nennt noch einen weiteren Grund für seinen Eklektizismus: “Ich komme aus keiner bestimmten Szene, also muss ich mich in meinem Sound nicht festlegen.”
Sein Lebenslauf ist spektakulär: 1983 wird er in Beirut als Sohn eines Amerikaners und einer Libanesin geboren. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs zieht die Familie nach Paris. Auf einer Geschäftsreise in Kuwait wird der Vater Opfer einer Entführung. Nach seiner Befreiung geht die Familie nach London. Hier hat es Mica Penniman nicht leicht. In der Schule wird er gehänselt, wegen seiner Lockenfrisur, wegen seines Akzents. Der Druck, unter dem er steht, führt zu einer temporären Dyslexie, er kann plötzlich nicht mehr lesen oder schreiben. Als er sich dann auch noch weigert, zu sprechen, nimmt ihn seine Mutter von der Schule. Rettung bringt – tatsächlich! – die Musik. Er erhält eine klassische Gesangsausbildung und debütiert mit elf Jahren als Jungsopran auf der Bühne des Londoner Covent Garden. Am Royal Opera House wird er wenig später David Hockney kennenlernen (ein vom Künstler signiertes Poster hängt noch heute in Mikas Wohnzimmer). Nach der Schule studiert er am Royal College Of Music. Er schreibt seine Songs, spielt auf Partys, macht sich einen Namen und wird entdeckt. Eine drehbuchtaugliche Biografie.
“Das erklärt, warum ich so laut bin und so viel rede, warum ich so leicht zu begeistern bin und warum ich ständig Musik um mich herum brauche”, antwortet Mika, wenn man ihn fragt, ob die Tatsache, dass er in Beirut geboren ist, noch eine Rolle in seinem Leben spielt. “Und die Familie. Dass mir meine Familie so viel bedeutet, ist ein weiterer libanesischer Zug an mir. Meine Familie gibt mir Schutz.” Wo er kann, lässt er seine Verwandten an seinem Projekt, ein Popstar zu werden, teilhaben. Seine Schwester hat das Artwork für sein Album entworfen (eine bunte psychedelische Kulisse mit Blumen, Puppen, Friedenstaube im Comic-Stil, die von “Yellow Submarine” beeinflusst scheint), Freunde und Familienmitglieder haben bei den Background-Vocals ausgeholfen. Und ja, er lebt tatsächlich noch mit seinen Eltern und Geschwistern zusammen in einem Haus. “Aber es kommt nur noch ganz selten vor, dass wir alle zur gleichen Zeit zu Hause sind.”
Was wird nun aus dem jungen Mann mit den markanten Augen und den schönen Locken? Ist Mika wirklich die erste große Pop-Sensation des Jahres? Ist “Life In Cartoon Motion” das Album, auf das alle warten und auf das sich alle einigen können? Vieles spricht dafür. Seine Balladen berühren mehr als das meiste, mit dem Robbie Williams den Massen die Tränen in die Augen treibt. Quirlige, übergeschnappte Songs wie “Lollipop” oder “Big Girl (You Are Beautiful)” haben das Zeug zum großen Sommerhit, der schon bald aus jedem Autoradio klingen könnte. Mikas Texte haben so viel Humor wie er selbst Charisma. Er ist ein Everybody’s Darling, der trotzdem über ein paar Kanten verfügt. So ein Hype kann natürlich auch überkochen. Man kann Mikas Musik eben leider auch schnell als zu überdreht, als zu künstlich empfinden. Ein Drahtseilakt wird sein Debüt schon deshalb, weil die Erwartungen plötzlich so hoch sind. “Ich spüre den Druck, aber ich fühle mich frei”, sagt Mika.



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aus Intro #148 (April 2007)
 
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