Feist

Ich kann eure Ohren sehen

29.03.2007, 20:00, Text: Jürgen Dobelmann, Foto: Sandra Steh

Keine Bange: Dazu, unsere Ohren zu sehen, ist selbst Leslie Feist nur in der Lage, wenn wir zu ihren Konzerten kommen. Und das will sie mehr als andere. Denn in unheiliger Koalition mit unseren Stereoanlagen machen unsere Gehörorgane mit ihrer Musik unkontrolliert den krassesten Unfug – wie z. B. Norah-Jones-Vergleiche oder sonst was. CDs sind für die Kanadierin deshalb kaum mehr als Promo-Material, um die Hallen vollzukriegen. Die Deutschen machen Druck. Bis einen Tag vor der Promotionreise war Leslie Feist noch feste am Mastern, der Albumtitel kam ihr eine Woche zuvor erst in den Sinn, und vor und nach den Interviews zimmert sie in ihrem Hotelzimmer am Laptop das Artwork zusammen.




Warum alles so auf den letzten Drücker? Ist das deine Arbeitsweise?
Daran sind die Deutschen schuld! Das Label hier ist ganz heiß auf das Album. Und weil sie eben so gut organisiert sind, waren in dieser Woche bereits die ersten Interviews für die “Longlead”-Presse – übrigens die ersten weltweit, die ich zu dem neuen Album gebe.
Aber du hattest immerhin drei Jahre Zeit. Dein letztes Album “Let It Die” erschien 2004.
Moment mal – ich war in der Zwischenzeit rund 33 Monate auf Tour! Und ich finde es ja auch klasse, dass meine Plattenfirma hinterher ist, mein Album vernünftig an den Start zu bringen. Gerade, weil Deutschland bislang nicht mein größter Markt ist. Ich habe großen Respekt vor der harten Arbeit, die da reingesteckt wird. Ich hatte schließlich zwölf Jahre überhaupt kein Label. Ich habe meine Gigs selbst gebucht und gekellnert, um meinen Schlagzeuger zu bezahlen, damit er mich in meinem Auto, das ich mit meinen letzten 600 Dollar gekauft hatte, zu einer Show nach New York fahren konnte. Ich habe ein Soloalbum vor “Let It Die” mit dem Titel “Monarch (Lay Down Your Jeweled Head)” gemacht, davon habe ich in zwei Jahren 3000 Stück verkauft, quasi von der Bühne runter.
Dein neues Album ist wesentlich weniger elektronisch als “Let It Die”. Absicht?
Das kam alleine dadurch, weil diesmal viel mehr Musiker mitspielen. “Let It Die” war ein Experiment, und außer mir waren nur Gonzales und der Produzent Renaud Letang an den Aufnahmen beteiligt. Gonzo spielte so ziemlich alle Instrumente. Damals war er gerade in seiner Vaudeville/Rap/Beatmaking-Phase, ich war Gitarristin und produzierte meine Sachen so Guided-By-Voices-mäßig Lo-Fi selbst. Für das Album trafen wir aber eine Abmachung: Wir machen beide keines der Dinge, die wir sonst machen. Ich spielte also nicht Gitarre, und er verwendete keinen Sampler und keinen Sequencer.
“Let It Die” entstand ohne Sampler und Sequencer?
Auch keine programmierten Beats, alles wurde live gespielt. Nicht unbedingt zwingend auf organischen Instrumenten. Wenn er Drum-Machine-Sounds verwendete, dann spielte er den Beat von der ersten bis zur letzten Sekunde ein. Zu einem Klick natürlich – aber das macht ja jeder “normale” Drummer auch.

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aus Intro #148 (April 2007)
 
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