Lady Sovereign / Uffie / Bunny Rabbit

Kein Style, keine Klasse, keine Farbe, kein Geschlecht

02.04.2007, 10:00, Text: Sonja Eismann

Alter Knabe HipHop, was wirst du gedehnt und gewendet. Das Genre, von außen immer noch gerne als Bastion schwarzer Männlichkeit konstruiert, um es irgendwie dingfest zu machen, fließt in alle Richtungen aus. Was heute unter Rap firmieren kann und möchte, hat keinen engen Stylekodex mehr, keine vorgegebene Klasse, keine festgelegte Farbe und kein Geschlecht. Zumindest, wenn es nach Lady Sovereign, Uffie und Bunny Rabbit geht.




Fast kaleidoskopartig blättern diese drei weiblichen Acts auf, wie weit HipHop sich von seiner Klischeevorstellung entfernen kann – und in wie viele verschiedene Richtungen. Um gleich noch einen obendrauf zu legen: Man kann sich gar nicht sicher sein, ob sich die vier Frauen überhaupt als HipHopperinnen begreifen. Uffie z. B., die in Frankreich lebende US-Bootybass-Sensation, fühlt sich weder als Sängerin noch als Rapperin. Das Duo Bunny Rabbit aus Brooklyn fährt einen avantgardistisch-vermurksten Dekonstrukto-Beat-Stil, der die (real existierende) freundschaftliche Nähe zu CocoRosie sichtbarer werden lässt als jede HipHop-Blaupause. Lady Sovereign, fast genauso jung wie die saujunge Uffie, aber statt als begüterte Ballerina als rotzige UK-Fußballette aufgewachsen, postuliert einfach nur keck: “Hey, ich bin die momentan am meisten diskutierte weibliche MC der Welt. Tut mir leid, aber ist so.” Wie sagt man in der verhassten Multikulturalismus-Debatte so schön: Es sind die Unterschiede, die uns verbinden. Oder sollte man einfach lieber konstatieren, dass die Fahrt an die Ränder wie stets den interessantesten Blick aufs Zentrum zeitigt? Wobei man sich fragt, ob man das Zentrum nach diesem Ausflug eigentlich noch so interessant findet.

Lady Sovereign
– Unterschicht in Jogginhose

Und was heißt hier eigentlich Kern und Randbereich? Lady Sovereign, die 21-jährige Nordlondonerin, geborene Louise Harman, macht keine Witze, wenn sie ohne die Frauen gerne umgehängte Zwangsbescheidenheit feststellt, dass sie in diesem Moment ganz einfach der heiße Scheiß ist. Mehr im Zentrum des Geschehens formerly known as HipHop geht wohl kaum. Alle, die sich auch nur marginal für das Genre interessieren, sind in den letzten Monaten mindestens einmal über diese fantastische Aufstiegssaga gestolpert, die so gut zum HipHop passt und doch so völlig untypische Parameter aufweist: Als Schulabbrecherin vom sozial schwachen Chalkhill Estate in einem der weniger feinen Viertel von London zum Labelsigning bei Def Jam – als erste britische Künstlerin und auf persönliche Einladung von Jay-Z. Der Weg dahin war reichlich unglamourös. Nachdem sie aus der Schule geworfen worden war, weil es nach Meinung des Lehrkörpers doch “eh nichts mehr bringe”, wie sie heute noch wütend zu Protokoll gibt, MCte sie zu Hause, inspiriert von den HipHop-Platten ihrer Mutter (“Ich stehe heute immer noch total auf ‘Tramp’ von Salt N’ Pepa. Wenn ich Sampling nicht so blöd fände, würde ich das auf jeden Fall mal sampeln!”), und nahm bei Freunden Freestyles auf Kassetten auf. Parallel war sie im Internet in Sachen Eigenpromo aktiv, bevor es MySpace überhaupt gab (“I am the original internet artist!”), und zwar auf einer Art Vorläufer namens Facepick, und verkaufte Donuts auf dem Markt und doppelt verglaste Fenster am Telefon. Weil das Geld aus diesen Shitjobs nie für irgendwas reichte, klaute sie Klamotten, beschloss dann aber irgendwann, nie wieder neun Stunden oder gar mehr in einer Zelle hocken zu wollen. Als pädagogisches Ersatzprogramm wurde sie in einen Schauspiellehrgang geschickt, wo sie in einem Filmchen eine Rapperin mimen durfte.
Und jetzt? Sogar Missy Elliott herself war angetan und lieferte gleich ein Feature, und dann gab es noch einen Nummer-1-Hit auf MTV TRL, was vor ihr weder die Spice Girls noch Robbie Williams geschafft haben, wie sie selbst stolz vermerkt. Dabei ist Lady Sovereign, nach eigener Aussage “officially the biggest midget in the game”, mit ihrer halsbrecherisch schnell und näselnd gerappten Mischung aus Grime, UK-Garage und Cockney-Humor nicht unbedingt der klassische US-Chartbuster. Auch optisch gibt sie die Antithese zum US-amerikanischen HipHop-Erfolgsmodell: käseweiß, winzig, weiblich. Also eher Prince als Biggy, aber minus die sexy Klamotten. Denn von körperbetonten, überfemininen Fummeln hält die Lady nichts. “Ich bin nicht eine von diesen Frauen, die sich auf der Bühne in Boobtubes quetschen und zu Hause dann in baggy Jeans ins Auto steigen. Ich bin immer gleich, ob auf der Bühne oder zu Hause.” Und gleich heißt: mit ihrem zum Markenzeichen gewordenen seitlichen Pferdeschwanz mit den komplizierten Zöpfchen an der Schläfe, den sie schon seit ihrer Teenagerzeit trägt, und Unisex-Streetwear. Ihre Horrorvorstellung, die sie im Opener “9 To 5” ihres in den USA schon letztes Jahr veröffentlichten Debütalbums “Public Warning” skizziert, dürfte als grimmiger Alltag einigen Rapperinnen bekannt vorkommen: “So my label have decided to change my image [...] / I’m in FHM posing in a bikini next to a Lamborghini.” Lady Sovs Texte sind vollgeballert mit dem letzten Tabuthema der explicit Lyrics, die per Definition ja nichts mehr schocken dürfte. Aber sexuelle Divagationen in grafischem Detail haben längst ausprovoziert, es sind die Anspielungen auf den ungemachten, unzugerichteten weiblichen Körper, die noch zusammenzucken lassen: die “hairy armpits”, die “fehlenden” Boobs, die Besoffenheit, die Rülpser und die Kotze, über die Frauen sich normalerweise nicht öffentlich äußern, und vor allem nicht mit Lady Sovs fröhlicher Selbstverständlichkeit.
Bei unserem Interview sitzt Louise völlig entspannt im kahlen Meeting-Raum der Plattenfirma und verschwindet fast in ihrer nu-ravigen Sportswear. Anstatt präfabrizierte Antworten abzuspulen, wie man es bei ihrem Fame-Level nun wirklich erwarten und entschuldigen könnte, agiert die Lady eher wie eine entfernte, sehr nette und lustige Bekannte, die man interessant findet und endlich mal bei Freundinnen auf dem Sofa erwischt, um sie vorsichtig auszupressen.


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aus Intro #148 (April 2007)
 
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