
Arctic Monkeys
Die Macht der Gefühle
26.03.2007, 06:00, Text:
Felix Klopotek
Die Arctic Monkeys melden sich mit einem neuen Album zurück – und sind doch nie weg gewesen. Denn zwischen dem Erstling und dem Nachfolger “Favourite Worst Nightmare” liegt nur etwas mehr als ein Jahr. Da erledigen sich Fragen, ob sich die Band weiterentwickelt hat und was jetzt alles anders ist, beinahe von selbst: Die Arctic Monkeys feiern sich, ihre Fans, die reine Gegenwart und den kurzen Moment totaler Aufmerksamkeit.
1 – Vom Angriff der Gegenwart
Allgemeines Gewusel. Im Postbahnhof, direkt neben dem Berliner Ostbahnhof, spielen am Abend die Arctic Monkeys. Es ist früher Nachmittag, der Aufbau ist schon im vollen Gange. Techniker, Roadies, Leute von der Plattenfirma und vom Management der Band reden hier, schleppen da, klappen ihre Laptops aus. Ein Fotograf bereitet sich auf das Shooting mit der Band vor. Auf einmal sieht man einen der Arctic Monkeys, Jamie Cook, den zweiten Gitarristen, Matt Helders, der Schlagzeuger, taucht auch auf. Mittendrin sind sie, und niemand, der die Arctic Monkeys nicht kennt, käme auf die Idee, dass sie es sein könnten, weswegen alle wuseln, tippen, telefonieren und Kabel schleppen. Charisma? Die Arroganz desjenigen, der die kleine Macht hat, sich ein paar Pullen Champagner zum Catering zu bestellen? Keine Spur. Würden sich die Arctic Monkeys auflösen, sie könnten auf der Stelle bei der Bühnencrew des Postbahnhofs anheuern.
Sind die Arctic Monkeys einfach nur der Hype von gestern? Geschlagen mit der geringen Halbwertszeit, die ein Spektakel in den Zeiten von MySpace und YouTube nun mal hat? Oder sind sie die größten Talente des Britpop seit Oasis, seit Jam, seit The Clash, seit The Who? Ende April veröffentlichen sie mit “Favourite Worst Nightmare” ihr zweites Album, ganze fünfzehn Monate nach “Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not”, dazwischen liegen eine Welttournee, zahllose Festival-Auftritte, eine EP mit weiteren neuen Songs (“Who The Fuck Are Arctic Monkeys?”). Ihr erster Bassist Andy Nicholson ist dabei verloren gegangen, seit letzten Juni ersetzt ihn Nick O’Malley, ein weiterer Kumpel aus der direkten Nachbarschaft von Sänger Axel Turner – dem Sheffielder Vorort High Green.
Was für ein Tempo. Wäre ihr erstes Album ein Doppelalbum, “Favourite Worst Nightmare” könnte gut die zweite LP abgeben. Bruchlos machen sie weiter mit ihrem wenig melodiösen Dancepunk und ihren mächtig donnernden Riff-Gewittern. Atemlos, fast schon gehetzt. Sie wiederholen sich nicht, sie sind auch nicht einfallslos (im Gegenteil), aber trotzdem kann man ihnen keine Weiterentwicklung andichten.
Die Fragen sind falsch gestellt. Hype? Sicher. Talente? Ohne Zweifel. Aber die Arctic Monkeys beziehen weder aus dem Hype-Status noch aus ihren Songwritingskills ihre Faszination. Die Arctic Monkeys sind vor allem Gegenwart, eine maßlos aufgeplusterte Gegenwart ohne Bezug weder zur Vergangenheit noch zur Zukunft. Sie verkörpern den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. In ihren Texten verarbeiten sie Informationen und Situationen, die sie JETZT aufgeschnappt haben. Ihre Musik saugt auf, was JETZT aktuell ist. Und sie nehmen dazu nicht die Position eines Kommentators ein. So kommt es, dass die Geschichten aus dem Nachtleben nur auf sich zeigen, dass der Musik – obwohl sie nicht näher am Puls der Zeit sein kann – jegliche Nervosität der Verfeinerung, die Überspanntheit des hyperaufmerksamen Künstleregos abgeht. Die Arctic Monkeys verkörpern die konsequenteste Variante der Selbstgenügsamkeit. Das macht immun. Nie wird man ihnen Ausverkauf vorwerfen können.
Alles, was über die Jetztzeit hinausweist, lehnen sie für sich ab. Sie sind keine Stars, weil ihnen alles Messianische fehlt. Sie sind noch nicht mal richtige Identifikationsfiguren, weil es kaum Gefälle gibt – zwischen ihnen und dem stinknormalen britischen Lad, der sich aufs Wochenende freut und der glaubt, zu seiner durch den Alltag als Lohnabhängiger verbauten Sensibilität nur durch erheblichen Biergenuss finden zu können. Die Arctic Monkeys sind die Materialisierung einer Publikumsfantasie, sie spiegeln den Narzissmus eines Publikums wider, das der festen Überzeugung ist, sich durch Blogs und Networking auf MySpace seine eigenen Stars zu kreieren. Das Andy Warhol zugeschriebene Statement, dass jeder für fünf Minuten Star sein könne, haben die Arctic Monkeys verwirklicht – auf die denkbar radikalste Weise: Wenn sie auftreten, sind sie IMMER für fünf Minuten Stars, sie haben auf diese kurze Aufmerksamkeitsspanne ein Dauerabonnement – vielleicht auch deswegen die sehr kurze Auftrittszeit von 45 Minuten am Abend (sehr zum Leidwesen des Publikums und von diesem mit erregtem Gepfeife quittiert).
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