Klaxons

Trojanische Verse

26.03.2007, 06:00, Text: Martin Riemann

2007. Das Jahr der fiebrigen Pop-Hirne. Eine Überdosis Googelei treibt eine ganze Generation in den Wahnsinn. Durch frei assoziiertes Herumklicken entstehen Theorien, Ideologien und Kochrezepte, die kein vernünftiger Bücherwurm mehr zu stoppen vermag. Einen kleinen Vorgeschmack darf passenderweise die britische Popkultur liefern.


Klaxons heißt jene Band, die momentan mit einer Mischung aus durchtriebenen Beschwörungsformeln und hochenergetischem Sirenenpop (oder New Rave, wie es die Band spaßeshalber selbst nennt) den englischen Teenager fest im Griff hält. Dabei scheuen sie sich nicht, die abstrusesten Stichwörter vor ihren Karren zu spannen, von griechischer Mythologie über Science-Fiction bis zu sexuell aufgeladenem Okkultismus. Und gleichzeitig pissen sie noch dem heiligen Indiegedanken ans Bein, da sie mal eben nichts gegen die Vermarktung von Musik haben. Aber lassen wir das doch Sänger und Bassist Jamie sagen: “Für uns geht es darum, keine Scheu davor zu haben, so viele Leute wie möglich zu erreichen. Viele Musiker sind doch zu gekünstelt und wollen nur von einem Publikum wahrgenommen werden, das sie total versteht. Uns versteht sowieso keiner, und deshalb haben wir kein Problem damit, dass uns viele mögen. Ein anderer Punkt: Die Indieszene war nie populär. Sie richtet sich nicht an die breite Öffentlichkeit. Und exklusiv sein zu wollen macht doch überhaupt keinen Sinn.” Man sollte sich allerdings hüten, das alles entlarven zu wollen. Wir sind hier in Pop, und da darf man bekanntlich alles behaupten. Leider kapieren das nur wenige und lassen stattdessen ihre Verknöcherungen selbst in diese schwerelosen Gefilde sinken. Nicht so Klaxons. Sie wissen, was verboten ist. – Nämlich gar nichts.
Als ich Jamie und Simon (Gitarre) in einem Diner in Cambridge treffe, strahlt mir auch prompt eine berauschende Ladung Größenwahn entgegen. Die Jungs schleudern mir Manifest-artigen Stoff entgegen, als wären sie das Politbüro. Während Simon, 24, dabei immer noch versucht, seine Ideen in nachvollziehbare Sätze zu verpacken, hat sich Jamie, 26, längst erfolgreich von derartigen Konventionen verabschiedet. Super. Mal sehen, was die zu ihrem hupenden Abgeh-Hit “Magick” zu sagen haben.

“Magick”, das ist doch diese Geheimlehre über den Willen. Kennt ihr euch damit aus?
J: Es ist historisch belegt, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema vielen Bands Unglück gebracht hat. Und mir gefiel die Vorstellung, dass unser erster großer Erfolg so etwas Heikles thematisiert.
Was meinst du mit Unglück?
J: Ungewöhnliche Vorfälle, die Bandmitgliedern zugestoßen sind, Dinge, die sich anschließend nicht erklären ließen.

Aha. Ich muss sofort an diese Time-Life-Bücher denken, die man früher im Fernsehen bestellen durfte: “Mysterien des Unbekannten” usw. Ob da auch so was drin stand? Während ich grüble, bestellen die beiden JD & DietCoke. Jamie hat einen dicken Schal um sein unrasiertes Kinn geschlungen. Will er so seine Stimme schonen? Vielleicht leidet er auch unter einem Schleudertrauma. Jedenfalls bewegt er nie seinen Kopf, während er mit mir redet, sondern rollt nur die Augen zu mir hin. Simon sitzt mir gegenüber und guckt mich mit großen braunen Augen an. Er trägt die obligatorischen Chucks, Röhrenjeans, ein selbst bemaltes T-Shirt und eine verwirbelte Turmfrisur:


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aus Intro #148 (April 2007)
 
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