Apostle Of Hustle

Hymnen ohne Heimat

26.03.2007, 06:00, Text: Martin Büsser

“Ich habe keine Ahnung, was das Publikum von uns erwartet”, erzählt Andrew Whiteman lachend, “denn dafür haben wir noch zu selten live gespielt. Aber als ich bei Broken Social Scene gespielt habe, wusste ich, was das Publikum von uns wollte: eine riesige Band, die einen überwältigt. Apostle Of Hustle machen dagegen das genaue Gegenteil: intime, über weite Strecken akustische Musik.”



Weil Andrew bei Broken Social Scene häufig die kubanische Tres-Gitarre gespielt hat, wird seine Musik immer wieder auf Kuba reduziert. Das nervt ihn, denn mit lebensfroher Kuba-Folklore haben Apostle Of Hustle nichts am Hut: “Okay, ich habe mal in Kuba gelebt, aber ich käme mir bescheuert vor, wenn ich die Folklore eines Landes kopieren würde. Das wäre so, wie in einer Band zu spielen, die nur Van Halen covert. Die Einflüsse von Apostle Of Hustle kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, bei einer Nummer stammt der Rhythmus aus Peru, bei einem anderen aus Äthiopien. Ich klaube mir meine Musik aus der ganzen Welt zusammen.” Doch reinen Folk gibt es auf dem zweiten Apostle-Album “National Anthem Of Nowhere” nicht zu hören, der zerfließt vielmehr weich mit Post-Rock- und Wave-Elementen, die an völlig unterschiedliche Einflüsse anknüpfen. Entscheidend ist die alle Stücke verbindende relaxte Atmosphäre, eine sublime Grundstimmung, die auf stilistischer Heimatlosigkeit aufbaut. Der CD-Titel “National Anthem Of Nowhere” ist passend zur Musik gewählt: Ohne klar umrissenes Territorium huscht sie umher, lässt sich schwer kategorisieren. “Einige meiner Mitmusiker kommen aus der Jazz-Tradition oder hören viel Jazz, was der ganzen Sache noch mal eine ganz eigene Note gibt. Ich glaube, das Wichtigste an unserer Musik ist, dass sie offen angelegt ist und viel Freiraum lässt. Broken Social Scene waren da ganz anders, die Musik war so vollgepackt, dass du kaum mehr atmen konntest.”
Auf seine Heimat Toronto und deren Musikszene angesprochen, erzählt Andrew: “Oh, da gibt es gerade einen neuen Trend, die sogenannten ‘bad Bands’, also richtig schlechte Musiker, die auch wissen, dass sie schlecht sind.” – “Wie soll man sich das vorstellen?” frage ich verblüfft zurück. – “Na ja, da gibt es zum Beispiel eine Band, die nennt sich Dollarama. Dollarama ist in den USA auch der Name für diese Billigläden, in denen alles nur einen Dollar kostet. Sie beziehen all ihre Instrumente, sofern man sie Instrumente nennen kann, aus diesen Dollarama-Läden. Klingt lustig, oder?”
Humor beweisen auch die assoziativen, zum Teil geradezu surrealen Texte von Apostle Of Hustle, etwa der Songtitel “Fast Pony For Victor Jara”. “Humor ist mir extrem wichtig”, bestätigt Andrew, “aber das sollte man nicht mit Ironie verwechseln. Unsere Zeit ist mir ein wenig zu ironisch. Ich denke, dass es immer noch Verbindlichkeiten geben sollte. Politische und menschliche Verbindlichkeiten, über die man sich nicht so einfach ironisch hinwegsetzen kann.”



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aus Intro #148 (April 2007)
 
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