
Bright Eyes
Kapital und Last des Folksängers
26.03.2007, 06:00, Text:
Martin Büsser
Dies ist die Geschichte einer Freundschaft. Einer Männerfreundschaft zwischen Conor Oberst und Mike Mogis. Zwischen dem Songwriter und dem Produzenten, der den Saddle-Creek-Sound geprägt und überhaupt erst dafür gesorgt hat, dass von einer Omaha-Schule die Rede ist. Nicht zuletzt wegen ihm ist Conor Oberst wieder von New York nach Omaha zurückgezogen und lebt nun Tür an Tür zu dessen neuem Studio.
“Ich habe meine Wohnung in New York nicht aufgegeben”, erzählt Conor Oberst, “aber seit den Aufnahmen zur neuen Bright-Eyes-Platte wohne ich wieder in Omaha und muss feststellen, dass es sehr viele Vorteile hat, zwischen Freunden und Familie zu leben. Es ist sehr beschaulich. Und Mike kann großartig vegetarisch kochen.”
Conor Oberst ist ein Star. Nicht nur in Europa, auch in den USA. Doch in New York musste er erstmals feststellen, wie schwer es ist, sich in einer Stadt durchzuschlagen, wo sich jeder dritte Bewohner für einen großen Künstler hält. “In so einer Stadt kannst du leicht untergehen. Während es in Omaha lange Zeit zu wenig Bands gab, gibt es in New York zu viele. Das bringt mit sich, dass sich in New York auch keine richtigen Szenen mehr herausbilden, so wie das mit uns in Omaha der Fall war. Für so etwas braucht man Freundeskreise. Und die gibt es anscheinend nur in der Provinz, aus der Not heraus geboren.”
Dem pflichtet auch Mike Mogis bei, der an diesem Abend in Chicago vorm ersten Bright-Eyes-Auftritt der großen Tour extrem gesprächig ist, beinahe überquillt. Erstmals interessieren sich Journalisten auch für ihn, den eher zurückhaltend wirkenden Typen mit Hornbrille und schütterem Haar. Getreu dem, was Conor Oberst ausdrücklich betont: “Wir sind eine Band. Das kapieren viele Leute einfach nicht. Sie denken, Bright Eyes sei Conor Oberst. Aber spätestens seit ‘Lifted’ bin ich nur noch ein kleiner Teil des Ganzen.”
Mike Mogis dröselt noch einmal die ganze Geschichte aus seiner Perspektive auf. Wie er Mitte der 1990er in dieser eigenartigen, leider inzwischen fast vergessenen Band namens Lullaby For The Working Class gespielt hat und dann diesen Jungen aus der Nachbarschaft kennenlernte, der bereits Hunderte von Songs auf Tape aufgenommen hatte. Und wie beide bemerkten, dass sie eigentlich an derselben Sache arbeiteten. “So etwas entsteht eben nur auf dem Land”, pflichtet Mike bei, “wo es egal ist, ob du cool oder uncool bist. Du experimentierst einfach rum. Lullaby war ein solches Experiment. Wir kamen eigentlich vom Hardcore-Punk und vom Indie-Noise. Wir wollten Musik à la My Bloody Valentine spielen, hatten aber fast nur akustische Instrumente zur Verfügung: Banjo, Glockenspiel, Fiedel ... Also kam so etwas wie Indie-Folk raus, lange, bevor es dieses Genre gab.”
In dem Maße, in dem Mike Mogis als Produzent immer professioneller wurde, begann sich auch die Musik von Bright Eyes zu professionalisieren. Bis hin zur aktuellen Veröffentlichung “Cassadaga”, deren Streicher- und Bläser-Arrangements von Nate Walcott, der ebenfalls längst als festes Bandmitglied gilt, vor lauter Phil-Spector-Größenwahn geradezu überquellen. Nach Bill Callahan, Adam Green und Joanna Newsom wandeln nun also auch Bright Eyes auf den Pfaden von Van Dyke Parks und Scott Walker, begeben sich auf den gefährlichen Grat zwischen Opulenz und Kitsch, der bei “Lifted” trotz ebenfalls opulenter Arrangements noch nicht gegeben war, da “Lifted” den Charme eines Schülerorchesters hatte, inzwischen aber mit Studioprofis gearbeitet wird. Das wirkt bisweilen allzu glatt, kann aber auch großartig funktionieren, etwa auf dem irrsinnigen Opener “Clairaudients (Kill Or Be Killed)”, auf dem es Nate tatsächlich gelungen ist, Hollywood-Kitsch an atonale Psych-Soundscapes zu knüpfen – bevor Conor Obersts Stimme einsetzt, begibt sich das Orchester auf einen irrsinnigen Trip, den an den Anfang einer Platte zu stellen von sehr viel Mut zeugt. Dieser Mut hätte manch anderer Nummer nicht geschadet, wo Pedal Steel Guitar und brav illustrierende Streicher Mainstream-Klischees eher stützen, statt ironisch zu brechen. Es scheint aber, als ob es Conor Oberst diesmal darauf angelegt hätte, mit Klischees zu spielen, gerade, um aus dieser ihm angedichteten Authentizitäts-Nummer rauszukommen.
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