El-P / RJD2

Familienangelegenheiten

26.03.2007, 06:00, Text: Heiko Behr

Du glaubst, du weißt, wie es läuft im HipHop in 2007? Vergiss alles! Du weißt gar nichts! Du gehörst nicht dazu! Sagt El-P. Und meint es verdammt ernst. Er möchte heute mit mir über sein erwartungsgemäß unglaublich bombastisches zweites Soloalbum “I’ll Sleep When You’re Dead” sprechen. Alles, was darüber hinausgeht, ist verbotenes Terrain.
In einem kleinen Berliner Hotel lümmelt sich heute nicht Jaime Meline. Mir sitzt sein Alter Ego El-P gegenüber. Ex-Company-Flow-Mitglied, Definitive-Jux-Gründer, Produzent, Rapper, Geschäftsmann. Mit seiner Geschichte steht er wie kaum jemand sonst für crediblen Underground-HipHop. Er wird mir gehörig den Kopf waschen.


Es gibt ja dieses alte Run-DMC-Video “Rock Box”, in dem ein weißer Türsteher sagt: “Ihr gehört hier nicht rein.” Jetzt wird Grandmaster Flash als erster HipHop-Künstler in die “Rock’n’Roll Hall of Fame” aufgenommen. Und mit dem geplanten HipHop-Museum in New York haben dann wohl auch die Akademiker auf breiter Front Wind davon bekommen ...
Also, für ihn persönlich ist es cool. Ich gebe keinen Fuck drauf, wer HipHop respektiert oder wer mich respektiert. HipHop und afroamerikanische Musik generell wurden ja immer von den Mainstream-Medien viel zu spät entdeckt. Eine nette Geste, mehr nicht. Und bei den Akademikern dauert es immer ewig, bis ein Thema sich als Teil des Pantheons etablieren kann. Das liegt aber auch daran, dass erst mal abgewartet wird, ob sich eine Sache halten kann. Generell ist es lächerlich, auf die Bestätigung von anderen zu warten. HipHop is rebel culture, man!
Du hast in deinen Texten einen deutlich intellektuellen Anstrich. Da hätte ich gedacht, es würde dich befriedigen, wenn an HipHop auch aus einer anderen Warte herangegangen wird als aus der von fetten Beats, geilen Reimen usw.

Wir aus der Community wissen ja, dass es im HipHop die aufregendsten, spannendsten Wortexperimente und moderne Poesie gibt. Toll, dass ihr das auch mal mitkriegt. Ehrlich gesagt, mir ist das scheißegal. Es war immer unser Scheiß, immer kodierte Sprache, für die Fans.
Aber diese Abgrenzung “unser Scheiß / euer Scheiß” löst sich doch gerade auf. Gerade in den letzten Jahren gibt es einige erstaunliche Kollaborationen: Timbaland mit Nelly Furtado, DJ Premier mit Christina Aguilera, die Neptunes mit Gwen Stefani. Popstars arbeiten plötzlich also mit HipHop-Produzenten und teilweise recht komplexen ...
Wir Musiker ziehen diese Grenzen nicht, das macht ihr, die Journalisten, die Intellektuellen. Ihr seid plötzlich geschockt, und das liegt daran, dass ihr gar nicht wisst, wie nah wir im Grunde innerhalb der Musiker-Community sind. Ihr seid nur Beobachter, ihr nehmt nicht teil. Ihr wollt nur kommentieren. Also, wenn du dir das alles mal in Ruhe anhören würdest, müsstest du nicht diese Fragen stellen, dann würde es alles so Sinn machen. El-P hat recht, natürlich. In seinem HipHop-Entwurf gelten keine Regeln, wenn er auf seinem neuen Album plötzlich mit Mars Volta, Cat Power oder Trent Reznor zusammenarbeitet. Hier werden keine Kollaborationen strategisch besetzt, um die Marktchancen zu erhöhen und neue Hörerschichten zu erschließen. Mit seinem neuen Album erweitert sich die Perspektive auf den Die-hard-HipHopper El-P.


Okay, lassen wir die Journalisten mal außen vor und sprechen wir über Kritik innerhalb der Community. Nas schleudert uns ja momentan mal wieder die Phrase “hiphop is dead” um die Ohren. Wie kommt das, dass innerhalb des Genres immer wieder der eigene Tod beschworen wird? “Rock’n’roll is dead”, hört man selten von Rockbands ...
Das macht mich irre. Journalisten rasten aus, darüber reden zu können. Seit HipHop angefangen hat, labern alle darüber, dass er ja schon wieder tot sei. Wie lange hat es gedauert, bis die Journalisten ihn überhaupt wahrgenommen haben? Du erzählst mir von der “Hall of Fame” und Grandmaster Flash? Welches Jahr haben wir, 2007? Come on, man! Die Journaille, die Intellektuellen sind sehr spät dazugestoßen, und viele unter falschen Voraussetzungen. Nas darf das, der liebt HipHop. Das ist Kritik innerhalb der Familie. Aber das kann man doch nicht annehmen from some fucking stranger you meet ...
Moment, du hast mich missverstanden. Ich behaupte das gar nicht. Ich rede ja eben nicht von der Perspektive von außen, sondern von innen ...

Es geht darum, eine Debatte innerhalb der Community anzustoßen, damit die besten und wichtigsten Elemente erhalten bleiben und nicht auf der Strecke bleiben. Es geht darum, diese Ideen zu schützen – gerade in einem Multimillionen-Dollar-Business, was HipHop heute ist. Es gibt zu viele Faktoren, die HipHop vereinnahmen wollen, die Kommerzialisierung, die Ausbeutung. Es ist eben seltsam, wenn sich eine Nischenkultur, die komplett von Geld oder ähnlichen Faktoren unabhängig war, plötzlich als Mainstream-Kultur wiederfindet. “Hiphop is dead” ist ein Schlag ins Gesicht. Man könnte auch sagen: “Hey, vielleicht sollten wir ein wenig darüber sprechen, wie wir HipHop wieder so wundervoll machen können, wie er mal war. Haben sich etwa unsere Perspektiven verschoben?” – aber das funktioniert nicht. “Suck my dick”, würden die Leute sagen. Also, innerhalb der HipHop-Community ist das wichtig und richtig.
Aktuell hat dein Label einen schmerzhaften Weggang zu verkraften: RJD2, seit seinem Debüt “Deadringer” als neuer DJ Shadow missverstanden, gehört sicherlich zu den beliebtesten Künstlern von Definitive Jux. Sein neues Album “The Third Hand” ist eine deutliche Abkehr mit seinem wässrigen 60s-Folk, dem brüchigen Gesang. Er veröffentlicht es bei XL Recordings. Was ist da passiert?

Das war eher eine künstlerische Entscheidung seinerseits. Er hat sich musikalisch in komplett neue Richtungen entwickelt. Als wir ihn neu signen wollten – zwischenzeitlich war er nämlich labellos –, sagte er, wir wären nicht das richtige Label. Zuerst sagte ich: “Fuck you! Natürlich sind wir das richtige Label! Ich hab dich entdeckt und groß gemacht!” Aber dann hörte ich die Musik und merkte, er hat recht, das sehe ich nicht auf meinem Plattenlabel. Das wäre kein organisches Wachsen gewesen. Außerdem wollte er erstens ein erfahrenes Label, das mit dieser Art Musik umgehen kann, und zweitens hat mir das nicht so gefallen für Def Jux.

RJD2 selbst bestätigt diese Version in einem Interview ein paar Tage später zwar, es geht allerdings wohl auch um das Kollidieren von grundsätzlichen Einstellungen. Er erklärt wortreich, wie unsinnig er es findet, Leute auszuschließen: “Das ist doch sinnlos, Musik sollte Menschen verbinden und sie nicht voneinander abgrenzen.” RJD2 ist ein freundlicher, überaus sympathischer Gesprächspartner, er ringt mit Worten, er möchte verstanden werden. Und so passt seine Vision vielleicht einfach nicht mehr zu seinem alten Label. Um es mit El-Ps Worten zu sagen: “Mich nerven die Leute mit ihren Meinungen. Ich spreche mit Fremden nicht über meine Familienprobleme!”



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aus Intro #148 (April 2007)
 
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