
Au Revoir Simone
Kein Netz
26.02.2007, 06:00, Text:
Jürgen Dobelmann
Das haut einen echt um. Noch eben checkte Annie Hart Backstage an ihrem Superslim-Notebook schnurlos und busy Mails (oder so), nun sitzt sie mit ihren Kolleginnen Erika Forster und Heather D’Angelo (alle: Gesang/Keyboards) bebrillt und bezaubernd auf dem Interview-Sofa und behauptet überzeugend, nicht zu wissen, wie man die von der Band verwendeten Instrumente zwecks automatisiertem Musizieren vernetze. “Unsere Songs klingen, als wenn alles von Hand gespielt wurde, weil tatsächlich auch nichts davon programmiert wurde. Wir verwenden überhaupt keine Computer bei den Aufnahmen.” Für die Ohren eines Vertreters jener Generation, für die die verheißungsvollen Möglichkeiten des koordinierten Zusammenstöpselns von Sequencern und elektronischen Klangquellen per SyncBox bzw. MIDI in den frühen Achtzigern einem Gottesgeschenk gleichkamen, eine durchaus bizarre Werteverschiebung. Die Frage nach der Motivation für den mutwilligen Rückzug in die Gepflogenheiten der Vorsteinzeit der Synthesizer-Musik quittieren die New Yorkerinnen, die ihren Look nach eigenen Angaben aus dem Sofia-Coppola-Film “The Virgin Suicides” ins real gelebte Jahr 2007 transferierten, gar mit semi-brüskiertem Gelächter: “Es macht für uns überhaupt keinen Sinn, nicht live zu spielen. Wir sehen uns viel eher als eine Indie-Rock- denn als Elektronik-Band – allerdings ohne Gitarren”, erläutert Heather. Und ohne Bass. Bzw. ohne handelsübliche Bassline. Denn obgleich das Trio – allen voran Fräulein Hart – live on Stage phasenweise Tori-Amos’esk krass abgeht, mangelt es den anmutigen Vintage-Synth-Pop-Tracks ganz unleugbar an subsonarer Grooviness.
Dass die drei jungen Frauen im Vorprogramm befreundeter Power-Bands wie We Are Scientists in der Publikumsgunst dennoch nicht völlig abkacken, verdanken sie neben der Qualität ihrer Kompositionen wie “A Violent Yet Flammable World” (vom neuen Album “The Bird Of Music”) u. a. der “Picknick am Valentinstag”-haften Rätselhaftigkeit ihrer Bühnenpräsenz, die dem Betrachter von Persiflage bis konsequent ausgelebte Niedlichkeit alle Interpretationsoptionen offen lässt. Das Set beenden Erika, Heather und Annie (schade: unbebrillt) mit ihrer meisterhaften Umsetzung des Rod-Stewart-Media-Control-Top-30-Hits “Young Turks” aus dem Jahre 1982 und der Ankündigung, im Anschluss den Merch-Umsatz mit eigener Anwesenheit am diesbezüglichen Stand in Rekordhöhe zu peitschen. Toll.
Angesichts derlei Features verwundert es dann auch nicht weiter, dass Au Revoir Simone (den Namen entlieh man dem Mittachtziger-Streifen “Pee Wee’s Big Adventure”) für verkaufsfördernde Kulturevents wie das Rahmenprogramm einer Buchpräsentation von Regisseur David Lynch gebucht werden, bei der der “Twin Peaks”-Erfinder in einem New Yorker Buchladen seinen jüngsten Schmöker zum Thema Meditation und Kreativität vorstellt. Das kann man sich eigentlich gar nicht besser ausdenken.
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