Werle & Stankowski

Instant-Zeitbruch

26.02.2007, 06:00, Text: Dana Bönisch

Faust in Mümmelmannsberg: “Weißt du, was ich manchmal denke?” fragt das Plattenbau-Mädchen. “Es müsste immer Musik da sein. Und wenn’s am schönsten ist, springt die Platte, und du hörst immer nur diesen einen Moment.” So was wird gerne gesagt in deutschen Filmen (in diesem Fall: “Absolute Giganten”), aber Recht hat sie. Vielleicht waren die Herren Werle & Stankowski deshalb so schlau, den Instant-Zeitbruch gleich serienmäßig einzubauen: Lied Nr. 3, “Lost In Love”, hakt im Abgang. “Aber nicht, weil das der schönste Moment der Platte wäre”, so Stankowski: Vielmehr geht es darum, das bezaubernd klimpernde Piano zu brechen, das als Echo am Ende eines glamourösen Shufflestompers steht.
Shufflestomper? Das ist einer der Begriffe, mit denen Johannes Stankowski (der mit der Gitarre) und Simon Werle (der an den Knöpfchen) über solch abstrakte Dinge wie elektronische Beats kommunizieren. Und klingt: nach Herren in weißen Anzügen, die sich synchron fingerschnipsend im Takt wiegen, während Glitzer von der Decke regnet. Aber gut hinhören, was Stankowski dazu singt: “I can’t feel at home in this world any more / There’s nothing that I know of that’s worth living for.” Depression und Smoking. Wenn Werle & Stankowski es in die Tageszeitungen schaffen, wird mit Sicherheit etwas von “Gegensätzen” zu lesen sein, “die sich anziehen”: Elektronik und Akustikgitarre, Holz und Hardware, Folk und Breakbeat.
Als die Gegensätze 2003 leibhaftig aufeinandertrafen, wurde sofort ein Album aufgenommen, noch “skizzenhaft” im Gegensatz zum jetzigen, wie Simon sagt – aber schön genug, den Kölner Sommer zu elektrisieren. “Uns kam es nicht vor, als hätten wir damals etwas Neues entdeckt”, erzählt der Beatmeister, “aber es schien, als hätten die Leute genau unser Ding vermisst.” Und Johannes, der alte HipHop-Rhetoriker, fügt hinzu: “Aus irgendeiner bizarren Laune des Schicksals heraus sind wir jetzt die, die es auskosten dürfen, dass bisher anscheinend noch niemand drauf gekommen ist, mit geilen Beats und Akustiksongs fette Popmusik zu machen.” Neu ist tatsächlich, dass sich der Beat auch im Singer/Songwriter-Kontext traut, ein Beat zu sein, statt bloß in indiekompatiblen Notwist-Absteckungen dahinzupluckern – deshalb tanzt bei Konzerten nicht nur die Kölner Fanbasis, dass es von der Decke tropft. Jeder kennt die Zeitlupen-Melancholie, die eine volle Tanzfläche ausstrahlen kann, aber bei Werle & Stankowski werden die Rollen einmal mehr vertauscht: Der Beat selbst, dem man qua maschinenmäßiger Herkunft die Emotionalität eher abspricht, gibt manchmal die eigentliche Traurigkeit vor. Und hierbei ist es natürlich nur eine Fußnote am Rande, aber durchaus befriedigend, wie Herr Stankowski verbal und auf der Bühne (in Trainingsanzug oder Anzug-Anzug) genüsslich den Indie-Stil-Kodex bricht, dessen Uniform er selbst mit “Lederjacke, enge Jeans, Haare zack” (Wischbewegung über die Stirn) beschreibt. Hingehen. Tanzen.





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aus Intro #147 (März 2007)
 
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