
Tele
Die Welt ist genug
26.02.2007, 06:00, Text:
Peter Flore
Francesco Wilking hört man gern zu. Mit ausgesprochen ruhiger, ja, beruhigender Stimme antwortet der Tele-Sänger auf Fragen und wirkt dabei mit sich und der Welt im Reinen. Seine Band hat gerade die Aufnahmen zum neuen Album “Wir brauchen nichts” abgeschlossen, Stefan Raab wartet schon, denn sie sind auf dem Sprung zu “TV Total”, als Vertreter Baden-Württembergs beim “Bundesvision Song Contest”. Das Goethe-Institut hat die Exil-Freiburger mit Sitz in Berlin vor einem halben Jahr noch auf Südostafrika-Tour durch u. a. Tansania und Mosambik geschickt, kurzum: Es könnte derzeit kaum besser laufen. Wunschlos glücklich? “In der Tat geht es beim Titel um dieses Gefühl, das man als frisch verliebter Mensch hat: Wir haben uns, mehr brauchen wir nicht”, so Wilking, der damit etwaigen Jeans-Team-Vergleichen und vermeintlichen Prekariatsverweisen vorzubeugen versucht. Gitarrist Martin Brombacher erklärt: “Ich verstehe das schon, schließlich singen wir beim Titelsong ‘Kein Geld, kein Gott’ usw., gleichzeitig aber eben auch: ‘Wir haben alles.’ Wir hatten sogar schon ein Financial-Times-Interview, für die war das ein gefundenes Fressen. Die fingen auch direkt mit der Unterschichten-Diskussion an.”
Tatsächlich geht es beim Nachfolgealbum des Debüts “Wovon sollen wir leben” – man beachte die Titelreferenz – nicht um alternative Lebensmodelle und neue soziale Schichten, jedenfalls nicht explizit. Exemplarisch steht der Track “Hans” für den roten Faden Weltflucht und Sehnsucht nach dem Weg ohne Ziel. Als Anlehnung an das Volkslied über jenes Kind, das in die weite Welt zog. “Wir brauchen nichts” handelt von großen Entfernungen, auch in den Köpfen, von Entfremdung und Sehnsucht nach dem Neuen. Und klingt dabei nach allem anderen als deutscher Popmusik, es gibt Bigband-Arrangements und Jam-Passagen genauso wie “Fieber”-Funk, Westcoast-Popchöre mit Hippie-Romantik und sogar weltbürgerliche Marimbaklänge. Der vermeintliche Abgesang “Bye, bye Berlin” klingt nach Ausknopf und Abschied, selbst gestandene Berlin-Protagonisten wie Sido und Bushido verabschieden sich im Text von der Hauptstadt. “Eigentlich ist ‘Bye bye Berlin’ unser ‘With Or Without You’, eine moderne Ballade”, findet Wilking.
Obwohl Tele, allen voran Sänger und Texter Francesco, in erster Linie über sich singen, haben sie doch das Geschichtenerzählen entdeckt: Die erste Single “Mario” handelt, so Wilking, “zum ersten Mal von einem Jungen, der nicht ich selbst bin” und hat dabei gleich eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt. “Es ist in der Tat schon vorgekommen, dass Radiomoderatoren anfangs, nachdem sie die Single gespielt hatten, nachdenklich nachschoben: ‘Ja ja, so war das mit Mario.’ Und unsere Backingsängerin im Studio fieberte richtig mit und fragte immer: ‘Was passiert denn jetzt mit Mario? Stirbt er?’” Tut er nicht, Mario ereilt das Schicksal, das die meisten von uns ereilt: Er macht einfach weiter.
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