
Malcolm Middleton
Schottischer Traumwandler
26.02.2007, 06:00, Text:
Martin Büsser
Malcolm Middleton versteht es wie kein anderer, fröhliche Popsongs über tieftraurige Texte zu legen. Schon der melodische, aufgekratzte Poppunk-Auftakter wartet mit ernüchternden Zeilen auf: “We’re All Gonna Die”. Keine Musik für depressive Menschen, sollte man denken. Doch die Songs stimmen einen sofort glücklich, ganz gleich, wie niederschmetternd die Texte auch sein mögen.
“Ich mag fröhlichen Pop”, erzählt der ehemalige Arab Strap-Musiker, “aber das muss ja nicht heißen, dass die Texte notgedrungen von Party, Urlaub und glücklichen Beziehungen handeln, oder?” Trotz Pop-Affinität hat Middleton seine dritte Solo-Veröffentlichung als “pop album for people who hate pop music” bezeichnet. Was ist damit wohl gemeint? “Oh, der Satz ist mir so rausgerutscht, seitdem werde ich ständig auf ihn angesprochen”, versucht Malcolm auszuweichen. “Inzwischen kursieren so viele Pop-Begriffe und Pop-Definitionen, dass meine Äußerung wahrscheinlich sehr leicht falsch verstanden werden kann. Es gibt Pop, den ich liebe, aber andererseits auch sehr viel Pop, den ich hasse. Ich habe ambivalente Gefühle gegenüber Pop. Auf alle Fälle hasse ich sterile Musik, der man anhört, dass sie nur für die Hitparaden gemacht ist. Trotzdem ist meine Idealvorstellung von einem Song die, dass man zu ihm tanzen kann und dass es sich um einen Ohrwurm handelt.”
Die Glasgower Szene, der Middleton entstammt, knüpft an ein Pop-Verständnis an, das beinahe schon verschollen ist: Es geht um C86 und um Wimp-Pop, um Ironie und Eleganz einerseits, aber auch um eine Punk-Attitüde, die im Weichlings-Gewand daherkommt, all das, was Anfang der 1980er einmal Bands wie Orange Juice und Pulp oder das Programm des él-Labels ausgezeichnet hat. Gruppen wie Arab Strap und die befreundeten Belle & Sebastian hatten das in die 1990er gerettet – bösartige Texte, mit liebevoller Miene vorgetragen. Schwiegermamas Liebling spielen und gleichzeitig ein richtiges Biest sein. Alles ein bisschen queer, versponnen, verträumt, surreal und gegen den Zeitgeist gebügelt, vor allem gegen den Zeitgeist namens Rock. Darum frage ich Malcolm, ob er sich mit seinem Dandy-Pop inmitten all der gehypeten Retro-Rock-Bands nicht schon ein wenig wie ein Fossil aus lange vergangenen Zeiten fühle. “Ich? Oldschool?” Middleton mimt Entsetzen und muss zugleich lachen: “Diese Kids sind doch retro, nicht ich! Für jemanden, der gerade mal zwanzig ist, klingt natürlich alles neu, wir alten Hasen hören da allerdings Zeug raus, zu dem schon unsere Großmutter getanzt hat! Aus deren Perspektive mag meine Musik altmodisch sein – stellt sich nur die Frage, wer die älteren Vorbilder plündert!”
Middleton hat “A Brighter Beat” erstmals komplett im Studio eingespielt, im neuen “Castle Of Doom”-Studio von Tony Doogan. “Meine letzte Platte habe ich noch zur Hälfte zu Hause aufgenommen, diesmal hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, die Stücke etwas aufwendiger zu arrangieren.” Dazu haben zahlreiche Gäste beigetragen, unter anderem Barry Burns von Mogwai, Mick Cooke von Belle & Sebastian und Jenny Reeve von The Reindeer Section. “Die Songs stammen alle von mir”, erzählt Malcolm, “am Songwriting haben die Gäste nichts verändert, aber sie haben meine Stücke sehr bereichert. Anfangs wollte ich Jenny zum Beispiel nur kurz als Background-Sängerin einsetzen. Ich hatte sie schon lange nicht mehr singen gehört, als ich dann aber feststellte, wie großartig sich ihre Stimme entwickelt hat, habe ich ihr gleich mehrere Parts gegeben.”
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