
Kochen mit
Scooter
26.02.2007, 06:00, Text:
linus volkmann,
Thomas Venker
Scooter im Intro. Da muss man selbst in einem Alles-ist-möglich-Format wie “Kochen mit” mal ausholen. Das getippt, werfe ich aber gleich mal die Frage hinterher: Warum eigentlich? Genau genommen stellen sie doch nur das deutsche Abbild von englischen Erfolgsmodellen wie Chemical Brothers, Basement Jaxx, Underworld oder Prodigy dar, nur dass sie eben nicht partygeile Lads, vergnügungssüchtige Jungstudenten und Werbegrafiker ansprechen, sondern, dem Unterschied zwischen UK und Deutschland geschuldet, eben eher ein Heer aus – tja, was denn eigentlich? –, aus unhippen, aber auch Wochenend-sehnsüchtigen Angestellten.
Nun, bevor das Geschrei groß wird: Dies hier soll nicht der Versuch werden, Scooter im crediblen Techno ankommen zu lassen, dazu schlägt auf diesen Seiten immer zu sehr das sophisticatede (Minimal-)Techno-Herz und wissen wir natürlich um den Kirmes- und Autoscooter-Charakter ihres Sounds, aber man muss – abseits vom Popappeal, der nicht erst seit Italohouse und Mish-Mash-Sets solchen Stücken im besten Fall anhängig ist – auch den Humor sehen, der von der Durchbruchsingle “Hyper Hyper” (1994) bis zur aktuellen Single “Behind The Cow” von ihnen gezeigt wurde. Letztlich bringen sie den Feiercharakter, wie ihn uns auch Sven Väth gerne vom Pult nach unten als Imperativ weitergibt, eben auf den Punkt, in catchy Slogans verpackt und mit den trancigen Harmonien und cheapo Melodien garniert, die ihre Musik massentauglich machen, gerne dabei auch mal zitierend – bei “Hyper Hyper” beispielsweise “Annihilating Rhythm” von Ultrasonic sowie das Mayday-Celeb-Telefonbuch oder auf dem neuen Album “The Ultimate Aural Orgasm” Prodigys “Firestarter” oder Blurs “Song 2”. Scooter sind auch nicht das berechnende Kalkülprojekt, als das sie oft wahrgenommen werden, sondern ein proletarischer Feierabendentwurf, der plötzlich funktionierte. H.P. Baxxter, der Frontmann, war ja, das muss man sich immer mal wieder vergegenwärtigen, Telefonverkäufer bei Edel, als er dort seine erste Single anschleppte (und mit verkaufte). Und selbst als “Hyper Hyper” durchstartete, wollte er noch nicht so recht daran glauben und stellte nur deshalb auf Vollzeitmusikertum um, da ihm sein Chef Michael Haentjes garantierte, dass er sein Gehalt ein Jahr weiter gezahlt bekomme und sich bei Misserfolg auch sofort und problemlos wieder ans Telefon setzen dürfe. Dazu kam es aber nicht – und das Gehalt wurde mit den immensen Verkäufen verrechnet. Es sollten in 13 Jahren 15 Alben und mehr als zehn Millionen verkaufte Einheiten folgen. Aber wir sind hier ja nicht bei der Musikwoche und liefern Statistik, sondern Erlebniswelten und Gedanken.
Gutes Stichwort. Scooter machen sich eigentlich wenig Gedanken über ihr Standing. Wenn aber doch, dann kommen dabei so markante wie zielsichere Sprüche raus, beispielsweise dieser hier von H.P.: “Wir sind das für Techno, was Die Fantastischen Vier für deutschen HipHop sind.” Mittlerweile haben auch Irritation, Neid und Ablehnung einer neuen Haltung Platz gemacht: Scooter haben sich einen Campstatus erspielt, irgendwann haftete ihnen plötzlich etwas Anziehendes an, nicht nur in der Industriegebietsdisco, sondern auch in den crediblen Innenstadtkellerclubs. Dokumentiert findet sich das in Kollaborationen und Remixen für/von so Leuten wie Egoexpress, Einmusik, Jan Delay und Deichkind. Damit aber erst mal genug der Gedanken zur Band. Lassen wir uns in selbige fallen, vor Ort in ihrem gerade neu bezogenen Studio in einem von uns streng vertraulich behandelten Hamburger Stadtteil – schließlich ist die Band glücklich, dass die Fans den neuen Standort, an den man vor einem halben Jahr gezogen ist, noch nicht entdeckt haben und sie noch in Ruhe arbeiten können. “Behind The Cow” schreit es aus dem Hintergrund. Der große Plasmabildschirm hinter dem Herd wurde angeworfen und doppelt nun den Mann vor mir. Selbiger stellt gerade klar: “Da ist kein Unterschied zu echten Hamburgern. Das sind die original Zutaten.” Nicht unstolz wirkt er dabei, schließlich ist H.P. nicht wirklich das, was man einen professionellen Hobbykoch nennen kann. Heute macht er aber eine Ausnahme, sozusagen eine Weltpremiere. Vorgenommen hat er sich echt dänische Hamburger, also mit ordentlich viel Röstzwiebeln, Essiggurken und mehr Majo und Ketchup, als nach der Gesundheitsreform noch erlaubt sind – schließlich sollen wir nicht nur mehr für die Gesundheit ausgeben, sondern haben auch noch die Pflicht zur Vorsorge als zweite Mehrwertsteuer dazubekommen. Entsprechend werden wir uns später so fettig abgefüllt fühlen wie seit den legendären Käsenudeln von Moses P nicht mehr – an denen leidet unsere Galle noch heute. Neben H.P.s Fähigkeit, sehr viel Sauce auf die Burger zu spritzen, stechen seine Monsterringe ins Auge. Da hat nur Dr. Walker von Air Liquide noch mehr – und das auch nur heute, denn H.P. gibt, das eingeworfen, zugleich zu verstehen, dass er “eigentlich sonst noch mehr dran hat, vor allem auf der Bühne.” Und wo wir schon beim Stichwort Bühne sind, sei an dieser Stelle die irre News kommuniziert, dass Scooter auf selbiger seit einiger Zeit von Venom-Gitarrist Jeff “Mantas” Dunn unterstützt werden. Dessen Persiflage-Gemoshe und auch er als Type kommen dabei derart gut an, dass er auch für einige Stücke des neuen Albums eingeflogen wurde. So geht beispielsweise die vorhin erwähnte Blur-Referenz auf seine Kappe.
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