Air

Klischees abfeiern

26.02.2007, 06:00, Text: Lutz Happel

Die kuschelige “Moon Safari” ist längst vorbei. Seitdem sind die beiden Kosmonauten von Air in alle möglichen Richtungen ausgeschwärmt: Film, Literatur, Tanz und jetzt sogar irgendwie Symphonie. Das lappt leicht in Richtung feinbeinige Artiness. So soll es sein, so war’s erdacht – in Versailles. Trotzdem steuern Air auf einem Möbiusband dorthin, wo alles anfing.

Vor ungefähr zehn Jahren detonierte ein Komet namens French House in Europa, der einen fetten Schweif hinter sich herzog: jene dezidierte Nicht-Tanzmusik von Air, eine musikalisch in die Neunziger übersetzte “La Boum”-Party. Der Verkauf von “Moon Safari” nahm groteske Formen an, und selbst ausgewiesene Musik-Muffel hatten seitdem neben dem notorischen “Pulp Fiction”-Soundtrack eine Air-CD auf der Kompaktanlage liegen. Was beinahe unterging in der Hysterie des Hypes, war “Premiers Symptomes”, die ersten Lebenszeichen Airs, vielleicht noch bezeichnender für diese flauschige Frankreich-Gefühligkeit, ein fundamentales Plädoyer für ein Lebenskonzept, das sich unumwunden Romantik nennt. Da fragte sich so mancher Indie-Slacker vor lauter kultureller Assoziationen ganz verdattert, ob so die Bourgeoisie klingen könne, oder doch nur das Klischee ihrer selbst. Dann kam für viele der unvermeidliche Downer: Die Nachfolger “10.000 Hz Legend” und “Talkie Walkie” sprengten die zum Markenzeichen gewordene Flauschigkeit zugunsten des Experiments, ohne das Pop-Ding ganz zu verlieren.



Und wie geht die Geschichte weiter? Der erste Höreindruck sagt mir, trotz Mitarbeit von Neil Hannon (The Divine Comedy) und Jarvis Cocker: so ähnlich wie vor zehn Jahren. Dann finde ich mich auch schon in einem Berliner Konferenzraum einem aufgeräumten, einsilbig-businesshaften Nicolas Godin gegenüber, der das ähnlich sieht und auch als gar nicht schlimm einschätzt:

Pocket Symphony” wirkt sehr minimal, auf das Wesentliche reduziert. Es erinnert stark an “Premiers Symptomes”, euer Debütalbum. War das ein bewusster Weg zurück zu den Wurzeln?
Ja, genau. Das Album ist “Premiers Symptomes” sehr ähnlich. Als wir “Premiers Symptomes” aufnahmen, wollten wir nur einige wenige Akkorde haben, eine einfache Struktur. Eine Eigenschaft von Musik, die wir immer noch schätzen, ist Einfachheit. Wir mögen es, Dinge auf ihre Essenz zu reduzieren.
Pocket Symphony” erscheint mir sehr soundtrackig und atmosphärisch. Es sind weniger feste Songstrukturen da als bei den beiden vorherigen Alben. Das erinnert zum Teil schon fast an recht abstrakte Komponisten wie Philip Glass oder sogar Steve Reich. Distanziert ihr euch damit bewusst von Popmusik?
Ja. Wir haben das Album mit Charlotte Gainsbourg aufgenommen, das sehr poppig war, und als Reaktion darauf ist unser Album eher abstrakt ausgefallen. Wir haben uns also von traditionellen Popstrukturen distanziert und eher experimentell gearbeitet.


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aus Intro #147 (März 2007)
 
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