
LCD Soundsystem
Ständig Geschichte
26.02.2007, 06:00, Text:
Heiko Behr
“A fat guy in a t-shirt doing all the singing”, so nüchtern beschrieb sich James Murphy vor drei Jahren auf seinem selbst betitelten Debütalbum. Es nützte alles nichts: Der Hype und die unheimliche Verklärung dieses Mittdreißigers, die er mit einer selbstreflexiven Maxi namens “Losing My Edge” im Sommer 2002 losgetreten hatte, waren nicht mehr aufzuhalten. Eigentlich dauern sie bis heute an.
Bereits vor seiner Bandwerdung hatte Murphy mit einer simplen Labelgründung den Grundstein für all die Aufregung gelegt: DFA Records, das er mit dem Mo’ Wax-Mitbegründer Tim Goldsworthy und dem ehemaligen Kinderstar Jonathan Galkin aufgebaut hat, ist heute eine Marke für sich. Was mit Produktionen von The Rapture und Radio 4 begann, mäanderte in Remixarbeiten für Le Tigre und Nine Inch Nails über die Gorillaz und Chemical Brothers bis hin zu Justin Timberlake. Ein Wunder eigentlich, dass Workaholic Murphy sich dennoch die Zeit nehmen konnte, ein neues Album als LCD Soundsystem aufzunehmen. Inmitten einer Schar befreundeter Mi(e)tmusiker ist er hier allerdings der alleinige Chef im Ring. Neben seiner allseits bewunderten Rolle als Verantwortlicher für Dramatik, Timing und Rhythmus im Sounddesign fällt ihm auch die des Sängers zu – ein Punkt, der noch beim Debüt spaltete: “eigensinnig und charismatisch”, so die einen; “jämmerlich und gestelzt”, so die anderen. Auf seinem erwartungsgemäß großartigen zweiten Album “Sound Of Silver” hat James nun eine natürlichere Stimme für sich gefunden.
Wenn du über deine Musik sprichst, fallen immer wieder Begriffe wie “Erniedrigung”, “Scham”, “Peinlichkeit”. Sind das für dich wichtige Kategorien, was deine Musik und deinen Lifestyle angeht?
Oh ja. Wenn du dich diesen Begriffen nicht näherst, lebst du ein sehr kleines Leben. Tanzen zum Beispiel kann ganz schön peinlich sein. Wenn du als Einziger tanzt. Was ist, wenn sich jetzt einer über dich lustig macht? Das muss halt egal sein. Beim Musikmachen musst du dich in Situationen bringen, die dir unangenehm sind. So ist das bei mir vor allem beim Singen. Sonst wird’s langweilig. Sonst sonnst du dich in der Popularität und fütterst dein Ego. Vor allen Dingen heutzutage, wo das meiste ja schon mal gemacht worden ist. Du kannst eben kein größerer Junkie als Keith Richards sein, oder ein besserer Gitarrist als Jimi Hendrix oder noch schockierender als die Sex Pistols. Da geht also nicht mehr viel, sonst äffst du die Vergangenheit nach. Ich saß mal mit Brian Eno in einer Gesprächsrunde. Und der sagte, zu seiner Anfangszeit mit Roxy Music sei es sehr einfach gewesen, gut zu sein. Weil eben so vieles noch nicht gemacht worden sei. Ein Album wie “Music For Airports” aufzunehmen sei schockierend und wunderschön zugleich gewesen. Wenn man das heute machen würde, sei es ... bedeutungslos. Vor uns gab es also diese zahllosen großen musikalischen Gesten. Das ist jetzt nicht vorbei, aber es liegt kein komplett offenes Feld vor uns. Man muss sich arrangieren damit und zufrieden mit sich sein. Und das bin ich. Ständig werde ich gefragt: “Ah, du magst Bloc Party und machst diese Rockmusik mit Dance-Einflüssen, du bist cooool, du magst The Fall ...” Dabei mach ich verzweifelt nur das Beste, was mir möglich ist. Das scheint mir alles zu sein, was noch möglich ist. Vielleicht gibt es andere mit brillanten Ideen und mehr Talent ...
Ein Mittel, um sich Peinlichkeiten und Scham zu entziehen, wäre ja die Ironie. Das schützt dich. So wurdest du oft verstanden: als der ironische Checker aus NYC.
Stimmt, aber ich will mich nicht schützen. Es ist sehr frustrierend für mich, wenn die Leute glauben, ich sei ironisch oder einfach nur lustig. Ich mag tief greifende Ironie, das ist sehr schwierig zu erreichen. Ich hasse billige Ironie, das ist es, was die Leute heute damit meinen. Sie meinen eben nicht Jonathan Swift, sie meinen: “Hey, ich trage ein Bon-Jovi-Shirt! Check it out! Haha, das ist ironisch!” Puh, das ist mir absolut egal. Wenn du etwas sagst, was eine andere oder kompliziertere Bedeutung hat als das Offensichtliche, dann ist das okay. Das kommt deswegen vielleicht so an, weil ich mich in meinen Songs kurz halte – das Wichtigste ist für mich: Dichte. Vielleicht daher das Missverständnis ... Ich kann mich damit einfach nicht aufhalten, okay, ich tu’s trotzdem ... [lacht]
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