Anajo

Augsburg Olympia

29.01.2007, 06:03, Text: linus volkmann
[215 Kommentare]

Im ICE Bertolt Brecht der Deutschen Bahn bewege ich mich vorsichtig durch den Gang eines Großraumabteils. Vorsichtig, um nicht auf irgendwen draufzuknallen. Schließlich durchfahren wir gerade einige Turbulenzen. Ein kleiner Mann mit blöder Lederjacke steht mir im Weg. Als er sieht, dass ich vorbei will, legt er die Hand so auf die Lehne eines Sitzes, dass ich nicht durch kann. “Aha”, denke ich, “soll ich jetzt hier überfallen werden?” Ungewöhnlicher Ort. Der Mann zeigt einen Ausweis in dem Sichtfenster seines Geldbeutels: “Kriminalpolizei.” Plötzlich macht alles mehr Sinn. Da wäre ich doch eigentlich lieber ausgeraubt worden, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Denn ich befinde mich zwischen Ulm und Augsburg, also zwischen Baden-Württemberg und Bayern, den legendären deutschen Rightwing-Staaten. Es ist später Nachmittag, ich bin brüllend verkatert, die letzte Miniaturflasche Kräuterschnaps habe ich um sieben Uhr morgens in Köln abgesetzt. Mein Körper ist viel zu alt, um das noch irgendwie wegzustecken. Zum Glück habe ich mir gerade eben mühsam ein halbes Brot mit Erdnussbutter reingewürgt. Ich stinke schrecklich nach Erdnuss, ich hoffe, es überdeckt meine Fahne. Zwar fahre ich den Zug nicht selbst, dürfte also so blau sein, wie ich wollte, aber hier ist eben Süddeutschland, und aus Erzählungen weiß ich, was die Kripo hier regelmäßig zwischen Ulm HBF und Augsburg HBF sucht: Terroristen und Drogenboys nämlich. Nun, mein Koffer ist nicht gerade voll davon, aber ich schätze, zwei, drei Jahre Haft kommen schon zusammen. “Haben Sie Gepäck dabei?” werde ich angeranzt. Oje, Officer Arschloch weiß zu allem Übel scheinbar auch schon alles. Wo andere in solchen Situationen wort- und gestenreich verhandeln, befällt mich stets eine fast groteske Obrigkeitshörigkeit. Ich will also umdrehen und den Mann endlich zu den Drogen in meinem Koffer führen. Scheine ich doch schon längst überführt. Komischerweise kommt er mir aber nicht nach, ruft mich stattdessen zurück, will wissen, wo ich hinfahre. Ich bin noch sehr sediert, ich sage krächzend: “Zu Anajo.” Der blöde Bulle glotzt mich noch misstrauischer an. Vermutlich denkt er, ich habe mir einen bayrischen Ortsnamen zusammenfantasiert, um glaubwürdiger erscheinen zu wollen. “Gibt’s nicht!” sagt er. “Augsburg”, jammere ich. Das gibt’s. Er will meinen Ausweis. Ruft auf dem Revier oder beim BND an. Das gefällt mir. Bin ich doch nicht aktenkundig. Das erfährt auch er. Unzufrieden lässt er mich endlich zum Klo gehen. Dort wird mir schwindelig. Kripo-Kontrollen im ICE, innerdeutsch wohlgemerkt – so was gibt’s nur hier. Was für einen Schaden müssen bloß Bands – außer Blaskapellen vielleicht – mit sich herumtragen, die hier leben und hier bleiben? Ich will es erfahren. Nächster Halt Augsburg.

Mir san a bayrische Band

Augsburg. Sieht gut aus, gepflegt. Neben Anajo, den drei knuffigen Pop-Meerschweinchen, stammte zuletzt so einiges Bemerkenswertes aus der Stadt. Nova International, Roman Fischer (lebt sogar mit Anajos Ollis in einer WG), der FC Augsburg (tauchte diese Saison in der Zweiten Liga auf), Fertig Los (deren Stardom inklusive Sony-Plattenvertrag für 2007 tickt, kommen zwar aus München, klingen aber zu Anajo-geprägt, um sie nicht auch zu nennen). Augsburg. So nah und doch so fern. Nichts gegen das popkulturelle Entdecken exotischer Orte. Ich denke immer noch an die von Thomas Venker beschriebenen Boardwalks in Oklahoma, an die Stadt ohne Gehwege, die Stadt, die er in der Reportage über die Flaming Lips einfach mal mittransportierte. Oder auch in dieser Ausgabe: Down Under. Melbourne. Acht Millionen Flugstunden entfernt. Und dennoch habe ich Augsburgbock. All diese verwirrenden Details hier: “Grüß Gott.” Ist doch spannender als vieles vom Fernreisen-Gehubere.
Vor dem Hyatt-Hotel treffe ich auf Olli, Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band. Typische Jeansjacken-Indieschönheit. Irgendwo zwischen Coming of Age und Coming out of Bed. Wir haben uns schon mal getroffen, gar nicht lange her. Anajo spielten ihre neuen Songs auf einem Intro Intim. Songs von der neuen Platte “Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?”. Dass der Rockpalast damals aufzeichnete, alles damit etwas heller und verbindlicher war, hatte die Jungs bisschen nervös gemacht. Wie lieb! Danach stand ich noch mit Olli im Regen vor dem Kölner Gebäude 9. Ich musste ihm versprechen, die Ausgabe des Lecker mit nach Augsburg zu bringen, in der Tobias Thomas nackt abgelichtet wurde. Und der mit traurigen Augen und einem riesigen Penis leicht abwesend neben die Kamera sieht. Das habe ich aber vergessen. Zu meiner Entschuldigung: Man darf nicht außer Acht lassen, als ich losfuhr, war ich ja noch zum Steinerweichen zugezogen.

Augsburg Alaska

Erste Station ist das Studio. Das befindet sich im Untergeschoss eines ehemaligen Krankenhauses. Betrieben wird es vom Produzenten, Kumpel und quasi vierten Bandmitglied Alaska Winter. Von Anbeginn der Anajo-Zeitrechnung (Ende der 90er) schuf man gemeinsam – und im Zuge der Konstanz entstand auch das Studio (mit dem Charme eines autonomen Jugendzentrums). Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.
Ihr Label, Tapete Records, weiß um die eindrucksvolle Größe und die besudelten Matratzen an den Wänden und spart sich regelmäßig für die eigenen Bands die horrenden Pensionsgebühren und schickt bei Touren das Labelroster zum Pennen hierher. Kommunikation und überschaubarer Komfort. So funktionieren Netzwerke jenseits staatlicher Kulturförderung noch immer. Und Anajo sind ein solches. Ohne sich zum Affen zu machen für den Majorvertrag, den sie längst hätten haben können, haben sie sich und ihren Indiepop-Glamour ausgebaut. Die Konzerte sind seit Jahren voll, alles brodelte nun auf die zweite Platte hin. Dass sie damit das nächste Plateau werden erreichen können, schien bereits ausgemachte Sache. Noch bevor ein Ton zu hören war.




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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 15:37:49

    boah echt...

    es tut mir wirklch leid aber selten so eine scheissband gehört. könnt kotzen bei dem geseier und pseudoointelktuellem geschwafel aus dem hause anajo.

    schon der name verspricht pure grütze.

    kann doch net sein, das gefühlsmarmelade so ein stellenwert bekommt...

    arschlecken ey

  • getupkid 29.01.2007 | 16:10:21
    i wanna see movies of my dream
    im übrigen bin ich kein großer anajo-fan, aber was mir neulich auffiel: sie sind wohl die einzige deutschsprachige band, die liebeslieder singt, bei denen es dezidiert um schwule liebe geht. das ist jenseits aller musikalischen geschmacklichkeiten schon bemerkenswert.

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 16:14:15

    gut das mag sein udn ist wohl auch neu und lobenswert aber legitimisiert es doch nicht diesen eimer scheisse an musik.

  • getupkid 29.01.2007 | 16:39:28
    i wanna see movies of my dream
    mich würde halt nur interessieren, wo man bei anajo pseudointelektuelles geschwafel findet - wenn mich an ihnen etwas störte, dann eher, dass die texte zu simpel gestrickt waren.

  • schunkel 29.01.2007 | 16:49:11

    Sind die nich eher so ne etwas weniger verkopfte variante der sportsfreunde?

  • getupkid 29.01.2007 | 16:51:42
    i wanna see movies of my dream
    ja, halt ohne rockismen, dafür mit einer manchmal etwas unangenehmen einfältigkeit. trotzdem, "hotelboy" auf der myspace-seite ist ein okayer song. aber wenn man wie herzscheisse "jede menge ganz undegroundigen punk und hardcorekram" hört, muss man gegen so popper natürlich was unternehmen.

  • retox 29.01.2007 | 17:02:31
    haltbar bis 30.09.08
    ich kann mit der musik herzlich wenig anfangen, andererseits krebsen die auch schon recht lang herum und sind dennoch immer am ball geblieben - damit haben sie meinerseits schon mal etwas respekt verdient.

    textlich (und von der "performance" her) finde ich derzeit wolke als fremdschämfaktor nummer eins unübertroffen.

  • User: zilix
  • zilix 29.01.2007 | 18:03:13

    die "nah bei mir" hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. perfekt dudeliger soundtrack für verliebte oder so.

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 18:08:57

    ach getupkid, wenn du selbst so plumpe zynik nicht peilst, dann viel spass weiterhin beim auf den musikgeschmack reduzieren.

    und gegen den wust an drecksbands kommt man gar nicht an, also lieber einzelfälle genommen und die richtig zerlegt.

    macht auch mehr spass :D

  • User: bärchi
  • bärchi 29.01.2007 | 18:13:26

    wahnsinn, wie man sich nur so sehr über was aufregen kann, was man nicht mag. ich wett mal, herzscheisse, dass dir nicht mehr als höchstens 3 songs dieser band bekannt sind (und du mehr auch gar nicht kenen willst, das sollst du auch bitte gar nicht!)

    ..aber wenn ich was nicht mag beschäftig ich mich nicht mit. in dem du das nämlich tust zeigst du ja wieder interesse an der band. das tut deinem herz doch sicher auch gar nicht gut. also. streich anajo aus deinem leben und alles is wieder fein. es gibt genug menschen, die die anajo musik lieben und die wirst du jetzt mit deinem niveaulosen rumgelaber auch nicht von abbringen.

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 18:36:32

    super, auf manches hier kann man sich verlassen.

    dachte schon so ein posting kommt nicht mehr, das von getupkid kam nah dran aber danke bärchi. so kann es weitergehen.

    next ?

  • User: bärchi
  • bärchi 29.01.2007 | 18:41:06

    klar. auf sowas wartest du doch nur, deswegen dacht ich mir ich tu dir den gefallen und meld mich hier mal an, ne. denn wenn keiner auf dein geredet eingehen würd wär's ja langweilig. da bring ich dir eben ein bisschen unterhaltung und erzähl hier unter lebensgefahr (und auch der gefahr auf beschimpfungen an meiner person) dass anajo meine lieblingsband ist. wahnsinn.. :-)

  • enine 29.01.2007 | 18:43:50

    ich frag mich echt, wer hier pseudointellektuell daherlabert ;)

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 18:49:17

    ich frage mich nur gerade wer hier wen verarscht ?

    wo ist eigentlich das juli mädchen ^^

  • buenaventura 29.01.2007 | 18:52:10
    hashomer
    musik wie die von anajo kann einem/r entweder gefallen oder egal sein. wer andere reaktionen darauf hinbekommt, sollte sich fragen, was in seinem (ihrem) leben schief laeuft.

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 18:58:46

    jepp ich bin frustriert und beschimpfe deshalb alle.
    morgen geht es weiter mit einer anderen band, die ich nicht wirklch kenne.

    vorschläge ?

  • buenaventura 29.01.2007 | 18:59:49
    hashomer
    in den zoo gehen.
    ein buch lesen.

  • User: Mark Kowarsch
  • Mark Kowarsch 29.01.2007 | 19:03:10

    die Freundin massieren
    selber Sushi kochen

  • User: Herzscheisse
  • Herzscheisse 29.01.2007 | 19:09:38

    dachte eher an bands die man mal grundlos samt hörer- und anhängerschaft nerven beleidigen kann.

    das mit dem buch lesen ist trotzdem gut, danke.

  • retox 29.01.2007 | 19:46:36
    haltbar bis 30.09.08
    he, guckt euch doch mal an, was herzscheisse normalerweise hört...da muss man ja gestört sein. das ist doch nur noch krach!!

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