The Decemberists

Wir sind eine Rockband

29.01.2007, 06:00, Text: Sascha Seiler

Als letztes Jahr “Picaresque”, das vorzügliche dritte Album dieser Band aus Portland, Oregon, erschien und sich zu einem der musikalischen Höhepunkte 2006 entwickelte, war man überrascht ob so viel Einfallsreichtum und Stilvielfalt auf einer Indie-Folk-Platte. Colin Melloy schuf eine Art Musik, die seinen literarisch hochwertigen, aber stets ironisch gebrochenen Texten gerecht wurde. Seine Songs behandelten allesamt klassische Motive: vom Seemann, den ein riesiger Wal verschluckt und der in dessen Bauch seinen verhassten Stiefvater wieder trifft, bis hin zur zickigen spanischen Infanta, die keinen Mann an sich heranlässt.
The Crane Wife”, das nur knapp ein Jahr später erschienene Nachfolgewerk, das nun mit ein paar Monaten Verspätung auch in Deutschland veröffentlicht wird, enttäuscht indes beim ersten Hören.

Zwar gibt sich die Band große Mühe, den Prog-Rock-Einfluss – der schon den parallel zu “Picaresque” als EP veröffentlichten, 18-minütigen Song “The Tain” entscheidend prägte – in zwei sehr langen Songs weiterzuentwickeln, doch wirkt der Rest des Albums mit seinen Folk-Manierismen im ersten Moment etwas eintönig. Allerdings nur im ersten Moment, denn langsam tastet man sich an das wieder einmal kunstvoll verwobene Geflecht aus Text und Musik heran und entdeckt nach und nach die Magie dieses immerhin offiziell als Konzept-Album deklarierten, äußerst komplexen Werks.
“Wir wollten etwas Neues machen”, so Melloy, “und haben die Songs um dieses alte japanische Märchen der Kranichfrau konstruiert: Ein Mann rettet einem Kranich das Leben, dieser kommt von ihm unerkannt als Frau zurück, sie heiraten, und die Frau sorgt durch ihre Nähkunst für unfassbaren Reichtum. Er darf nur nie fragen, wie sie das macht. Obwohl sie es ihm verboten hat, spioniert er ihr nach, pikst sie mit einer Nadel und merkt, dass die Kleider aus Kranichfedern bestehen, die sie unter ihrer Haut hat. Worauf sie wieder zum Kranich wird und davonfliegt. Bei der musikalischen Umsetzung wollen wir die Prog-Rock-Einflüsse gar nicht negieren, unsere Keyboarderin Jenny ist riesengroßer Jethro-Tull-Fan.”
Und ähnlich wie die Band um Flötenmann Ian Anderson in den frühen 70ern versucht auch Melloy, in seinen Texten die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme anhand klassischer, literarischer Themen zu behandeln, und packt dies in erhabene, komplizierte Arrangements: “Die Vergangenheit scheint die Zeit zu sein, in der ich mich als Texter, Leser und Musiker am wohlsten fühle. Ich habe ein Studium in Creative Writing absolviert und lange Zeit Kurzgeschichten verfasst, doch erst als Texter von Popsongs kann ich meine Ideen richtig verarbeiten.” Wenn der schelmische Melloy das sagt, klingt das alles nie ganz so ernst, wie es im ersten Moment scheint, letztlich war das letzte Album ja auch ein “Schelmenspiel”. “Aber was wissen wir schon? Wir sind eine Rockband.”



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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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