Jarvis Cocker

Gehemmter Heiland

29.01.2007, 06:00, Text: Jürgen Dobelmann, Foto: Sibylle Fendt

Für seinen Status gäbe manch einer ohne Zaudern seinen Sozialversicherungsanspruch: Jarvis Cocker gilt unter den Bewunderern anglophiler Popkunst als der geschmackssichere Über-Dandy mit unfehlbarer politischer Gesinnung. Allein die schiere Anwesenheit des 43-Jährigen scheint zu genügen, um etwa gescheiterte Platten-Produktionen auf den rechten Pfad zu führen. Einziger verbleibender Zweifler: der Musikmessias selbst. Und, ach ja: die Londoner Carl-Orff-Gesellschaft.

Wer wünscht sich das nicht? Einmal Mittler zwischen den Ikonen der Pop-Disziplinen sein, Hermes Paketdienst der Unvergänglichen im zeitgenössischen Kulturbetrieb. Erinnern wir uns: Im Juli kündete Charlotte Gainsbourg von den olympischen Fähigkeiten des Ex-Pulp-Frontmanns, dessen wenigminütige, tätigkeitslose Gegenwart ausgereicht hatte, um die Trendwende in den festgefahrenen Studioarbeiten ihres Albums “5.55” herbeizuführen. Konfrontiert mit derlei Schmeichelei zeigt sich der Gebauchpinselte allerdings verdutzt: “Hat sie das wirklich gesagt? Das ist ja sehr nett von ihr. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass es eine Katastrophe werden würde”, erinnert er sich. Die Bedenken basieren dabei jedoch weniger auf unbestimmtem Befindlichkeitsgedusel als auf einem konkreten Fauxpas des Wahl-Parisers: “Ich hatte einen Text für sie geschrieben, der sehr explizit Bezug auf ihren Vater nahm. Denn ich dachte, dass es sehr belastend sein muss, eine Platte zu machen, die natürlich sofort mit seinen Sachen verglichen wird. Und gegen eine derart ikonische und zentrale Figur der französischen Musik wie Serge Gainsbourg anzustinken ist quasi unmöglich. Ich hatte die Situation allerdings falsch eingeschätzt, und sie fand das Lied einfach nur sehr beleidigend. Ich hatte Angst, dass sie mich rausschmeißen.”
Eine Furcht, die auch latent das Interview überschattet. Denn auf ausdrücklichen Wunsch des Künstlers wurde der Promotiontag in der Bundeshauptstadt an betont unklassischen Standorten durchgeführt. So gefiel dem Exil-Briten u. a. die Idee, in den frühen Mittagsstunden ins Restaurant des Berliner Touri-Hotpots Fernsehturm zu laden (theoretisch sehr geil: Schlange stehen und Eintritt zahlen für ein Interview mit Premium-Fatzke Jarv), um die nächsten wissbegierigen Medienvertreter in verschiedenen Räumlichkeiten des Bauhaus-Archivs zu empfangen. Angesichts der bedrohlich zu Ende gehenden Öffnungszeiten und allseitiger Abreisezwänge offenbart Kunstfreund Cocker schließlich kurz vor Gesprächsbeginn den Wunsch eines Last-Minute-Ausstellungsbesuchs mit lockerem Nebenher-Interview. Hilfe! Die allgemeine Promo-Etikette lässt ihn letzten Endes doch noch höflich auf einen Stuhl der Cafeteria sinken, wo zwei Drittel der vereinbarten Gesprächszeit sauber und konzentriert ausgesessen werden. Nach kurzem anschließenden Museumsbesuch geht’s dann auch schon zum Flieger. Für Jarvis zwar kein Anlass für Frohlockungen, aber immerhin ein spitzen Songsujet: “Ein Stück, das ich zusammen mit Charlotte schrieb, handelte z. B. von Flugreisen”, erinnert er sich. “Als wir über das Thema sprachen, sagte sie plötzlich, dass sie kein Problem damit habe, bei einem Flugzeugunglück ums Leben zu kommen. Eine sehr seltsame Aussage. Ich dagegen bin beim Fliegen wie versteinert. Ich hasse den Gedanken, bei einem Flugzeugunglück zu sterben.”




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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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