
The Good, The Bad & The Queen
Alle Eyes on Damon!
29.01.2007, 06:00, Text:
Heiko Behr
“We played that shit! We need to refocus!” ruft Damon seinen Mitstreitern zu. Die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dabei hatte er sich im Vorfeld dieses Konzertes doch arg bemüht, die Bedeutung runterzuspielen. Einfach nur eine Handvoll Typen, die ein bisschen musizieren wollen. Nix da. Albarn bleibt der Hardest-Working-Man in Indie-Showbiz. Aber warum diese Verbissenheit?
Die harten Fakten sehen so aus: Damon Albarn wirft ein neues Album namens “The Good, The Bad & The Queen” auf den Markt. Er hat es mit einigen Mitstreitern aufgenommen, deren Namen jeweils eine Historie für sich sind: Ex-Clash-Bassist Paul Simonon, Ex-Verve-Gitarrist Simon Tong, Ex-Fela-Kuti-Schlagzeuger Tony Allen, DangerMouse (der Mann hinter Gnarls Barkley) als Produzent. Denkt man Albarns Status als Blur-Frontmann und Gorillaz-Mastermind mit, hat sich hier eine veritable Supergroup des Indierock zusammengefunden. Drei Generationen, fünf musikalische Backgrounds.
Am 26. Oktober des vergangenen Jahres spielte diese Truppe dann im Rahmen der “BBC Electric Proms” im Roundhouse in London ihr erst viertes Konzert überhaupt. Die Veranstaltung hat es sich zum ehrgeizigen Ziel gemacht, dem Publikum gänzlich Neues oder zumindest so noch nie Gehörtes vorzustellen. Für jeden Newcomer eine Riesenchance, für die Band um Albarn allerdings eher ein Wagnis: ausufernde Berichterstattung, Internet-Videoübertragung, Webradio-Broadcast. All Eyes on Damon also. Aber vor genau diesem Hintergrund kam es zum oben angesprochenen abrupten Abbruch inmitten eines Songs. Damon war deutlich seine Unzufriedenheit anzusehen, gleichzeitig der unbändige Wille, sein neues Projekt mit aller Macht durchzusetzen. Und sofort war sich die Presse im Nachhinein einig: Der Albarn wieder kann nicht lockerlassen. So erzählt ein kurzer Moment in einem Konzert eine ganze Geschichte.
Beim Interview einen knappen Monat später in Köln ist von dieser Angespanntheit nicht mehr viel zu spüren. Damon räkelt sich unrasiert auf einer Couchgarnitur, Simon Tong bleibt gänzlich unbeteiligt, allein ein gut gelaunter Paul Simonon blinzelt freundlich. Tony Allen glänzt durch Abwesenheit.
Klärt uns mal auf, das Album heißt also “The Good, The Bad & The Queen”, so viel ist klar. Aber wie sollen wir euch vier denn jetzt nennen? Ihr wollt ja offensichtlich keine Band im herkömmlichen Sinne sein. Was steckt dahinter?
Simonon: [grinst durch seine charmante wie charismatische Zahnlücke] Wir sind ja nicht mehr 19. Damals musste man sich noch Namen geben, das ist heute nicht mehr nötig.
Albarn: [undeutlich und verwischt, erstaunlicherweise ebenfalls mit Zahnlücke – Corporate Identity?] Eigentlich stand zunächst nur der Name für die Platte fest. Was wär das denn bitte für ein Name für eine Band? Wir wollten eigentlich möglichst unprätentiös sein – jetzt kommt es doch wieder prätentiös an, hmmm ...
Tong: schweigt (ohne Zahnlücke).
Ein Problem, das sich durch Damons Karriere zieht: Bereits zu den seligen Zeiten des Dauerbeefs mit Oasis galt er – nicht zuletzt durch die markigen Statements der Gallaghers – stets als der streberische Kunsthochschüler mit den gewollten Texten. Als er sich dann später zusammen mit Jamie Hewlett das virtuelle Projekt Gorillaz ausdachte, unkten wieder viele: arg bemüht, zu viel Konzept, zu wenig Seele. Natürlich ist sich Albarn dieser Reaktionen bewusst, er gilt als hochreflektierter Künstler. Insofern kann man sein neues, nun ja, Projekt als eine neuerliche Umorientierung lesen: zurück zu Ursprünglichkeit, Authentizität, vor allem Spontaneität. Albarn bestätigt: “Die Intensität kommt erst durch ... die Einheit. Vor allem live reagieren wir aufeinander, deshalb würde ich uns eher als eine Jazz-Band bezeichnen.” Es sind Sätze wie diese, die die Alarmglocken schrillen lassen – Albarn scheint in einer Falle zu sein. Jede Handlung, jede Äußerung wird in diesem bestimmten Rahmen gedeutet, es gibt kein Entrinnen. Vor allem die Entstehungsgeschichte spricht dann auch eine andere Sprache, geplant war nämlich zunächst ein Soloalbum. Erst nach und nach stießen die anderen dazu. Damon Albarn lebt eben in einer Welt, in der ein Anruf reicht, um den legendären Bassisten Paul Simonon zu reaktivieren. Die ursprünglichen Aufnahmen mit Tony Allen in dessen Heimatstadt Lagos, Nigeria dienten dann nur noch als Folie. Schließlich übergab man das Ergebnis in die Hände von DangerMouse. Erst das von ihm wie gewohnt filetierte, dekonstruierte und wieder neu zusammengesetzte Material ergibt also letztlich das Album. Organisch geht anders.
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