
Navel. Polarkreis 18. Karpatenhund.
Jung, noch unbekannt und jetzt schon toll.
11.02.2007, 10:00, Text:
Dana Bönisch
Die einen singen von Popcornmeeren und dass die Welt eine Maschine sei, die nun bitte mal stehen bleiben solle. Die anderen schaffen Hymnen von orchestraler Brillanz. Und die Dritten haben den Schrei der kryptischen Jugend wiederentdeckt. Eine Geschichte über drei Bands, die nichts gemeinsam haben – bis auf die Tatsache vielleicht, dass sie noch niemand kennt. Und dass sich das sehr bald ändern wird. Intro hat die Neuen da besucht, wo sie zu Hause sind: Karpatenhund in Köln. Polarkreis 18 in Dresden. Und Navel auf der Bühne.
Navel. Rocken im dreckigen T-Shirt
Nabel sind auch nur Wunden. Die ersten, die man im Leben so wegbekommt. Gleichsam ein Symbol dafür, dass man nicht gefragt wurde, ob man das alles auch will. Atmen, Schreien, Heulen, den ganzen Dreck eben. Wenn man die Band namens Navel nach der Geschichte ihres Namens fragt, wird da unter den Kapuzen kein einziges Paar Augen verdreht, weil man womöglich denkt, es gehöre halt so zur Musikerrolle dazu, davon genervt zu sein; stattdessen wird zwischen zwei fahrigen Zigarettenzügen was gesagt. Nämlich die Wahrheit: Man wisse gar nicht mehr so genau, was man sich dabei gedacht habe. Irgendwas mit Anfang eben.
“Younger and better looking than the Arctic Monkeys while Pete Doherty is licking their boots for a lesson in rock”, hat ausgerechnet der NME über die drei Schweizer geschrieben. Wie es dazu gekommen ist, weiß keiner so genau – es hatte irgendwie mit dem diesjährigen Eurosonic zu tun, auf dem Navel spielen werden. Ihr Label Louisville hat diesen Satz auf Visitenkarten drucken lassen. Zu Recht. Die Band beeindruckt er wenig, sie finden ihn noch nicht mal besonders lustig. “Wie sehen die Arctic Monkeys überhaupt aus?” fragt Bassistin Ef nach einer ganzen Weile. Keiner weiß es. Ich auch nicht. Fakt ist: Ob es sich nun um hyperbolisches NME-Gehabe handelt oder nicht, jede aktuelle Bezugsgröße wirkt im Zusammenhang mit Navel irgendwie lächerlich. Diese Leute hier sind so gnadenlos sie selbst, dass alles intellektuelle Geschnatter über unbewusste Rolleneinnahmen einfach verpufft.
“Wir wollen keine sauberen Klamotten, wenn wir Musik machen”, sagt Sänger Jari, und der Rest lacht. Pause. “Weil: Musikmachen heißt schwitzen.” Wieder Pause. “Und Schweiß ist okay.” Fast ist man ein wenig beschämt, dass man hier mit vollem Aufnahme-Equipment sitzt und reden will. Weil das schon zu den Überbaugeschichten gehört, die Navel einen Scheiß interessieren, die mit der Sache nicht viel zu tun haben. Die eben nicht auf der Bühne stattfinden. Trotzdem antworten sie sehr freundlich, da oben im Treppenhaus-Neonlicht: Die Schweiz sei nicht für Rock’n’Roll gemacht. Es sei symptomatisch für Schweizer Bands, dass sie erst im Ausland Erfolg haben, ehe man zu Hause erkennt, was Sache ist. Und ja, Ef und Jari haben sich tatsächlich bei Ricola am Fließband kennengelernt. Kein Witz. Vielleicht kann man solch wütende Musik tatsächlich nur machen, wenn man in einem 800-Seelen-Dorf lebt, jahrelang keine Möglichkeit gesehen hat, da rauszukommen, aber immer wusste: “Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden” (Statement von Navel sowie den Bremer Stadtmusikanten).
“Bevor das alles mit Navel begann”, sagt Jari in seiner langsamen, bedächtigen Art, “da träumte ich, ich ginge Pizza essen mit Patrick Wagner. Wir gingen dann echt Pizza essen, und da dachte ich mir: Hey, jetzt essen wir echt Pizza.” So kann’s gehen. Im Gegensatz zu den anderen jungen Bands, die ich bisher getroffen habe, sind Navel und ihr Label ein Herz und eine Seele: “Wir lieben Louisville. Und Louisville liebt uns.” Auch Patrick Wagners innige Lobpreisungen haben wohl dazu beigetragen, dass sich an den Tanzflächenrändern der Republik zur Stunde Navels Name ins Ohr geschrieen wird: Nach all den sensationell gut gelaunten Indie-Chören, den Nadelstreifen-Rockstars und Singer/Songwriter-Elfen der letzten Jahre scheint man wieder nach dem völligen Anti-Konzept zu dürsten. Nach Rock halt. Navel heißt, nach dem Konzert noch nicht zu wissen, wo man heute Nacht schlafen wird. Auch zwei Stunden danach nicht. Da kann Pete Doherty noch so sehr an den Stiefeln lecken, es wäre schon scheiße für ihn, bei null Grad im Schlafsack unter der Brücke zu übernachten.
“Ich mach nicht viele Worte”, schreibt Jari über seine Texte, “und die sind auf Englisch und für mich. Kein Mensch wird irgendwas verstehen. Unser Schrei ist für euch, und den versteht jeder.” Navel reißen wieder Lücken auf zwischen Musik und akademischem Referenzdenken, zwischen kryptischer Jugend und Erwachsenen. Bei diesem Konzert muss ich mir zum ersten Mal seit langem Taschentuchfetzen in die ohnehin kaputten Ohren stecken. Jaris blonde Haare hängen vor seinem Gesicht, eine Lücke gibt es nur für das Mikro, er schreit und singt sich das Herz raus, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand Kurt Cobain erwähnen wird. Im Sinne einer rein äußerlichen Ähnlichkeit, versteht sich. Für den neuen Drummer Olivier ist es das erste Konzert mit Navel, er schlägt sich gut. Ef wird später fragen: “Hast du hier was gespürt?” und dabei die Hand auf ihren Bauch legen. “Und wie”, sage ich. “Dann war’s richtig”, antwortet sie.
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