
Love Of Diagrams
Da kann kein Buchhalter dagegenhalten
19.02.2007, 10:00, Text:
Thomas Venker,
linus volkmann,
Felix Scharlau
Es fühlt sich an wie ein Blind Date, dieses Treffen mit Love Of Diagrams. Nun ja, so, wie wir in dieser sozialen Umgangsform Unerfahrenen uns ein solches vorstellen, zumindest. Verkuppelt von einem guten alten Freund namens Matador. Wir hatten länger nichts mehr von ihm gehört, weswegen er die nicht ganz so persönliche Ansprache Massenmail nutzte. Aber wer wären wir, dass wir es ihm krummnehmen würden, man kann nicht immer alles nur persönlich und eins zu eins kommunizieren. Jedenfalls legte uns Matador in dieser Mail sein neues Signing ans Herz: Love Of Diagrams (LOD), die, wie passend, aus Melbourne kommen, jener Stadt, in die es uns für unser diesmaliges Stadtporträt verschlagen hat. Wobei LOD nicht nur den Standort zu bieten haben, sondern auch “Mosaic”, ein hochenergetisches, auf Post und Punk, Pixies und Helium, London und New York aufbauendes Album.
Und so kommt es, dass wir Antonia Sellbach (Bass, Gitarre und Gesang) und Luke Horton (Gitarre, Gesang) im Bimbo Deluxe (auf der Brunswick Street 376) treffen, einem lokalen Hang-out, der sich leider als schlechteste Wahl auf einer ansonsten mit jeder Menge reizvoller kleiner Läden und einladender Vegie-Restaurants bestückten Straße herausstellen soll – Schlagzeugerin Monika Fikerle ist nebenjobtechnisch verhindert. Ihr entgeht durchschnittlich miese Pizza und etwas eigentümlich desinteressierter Service, der darin gipfelt, dass Antonia statt ihres bestellten Margarita-Cocktails eine Pizza hingeknallt bekommt und die Reklamation kategorisch untersagt wird – von wegen “ist schon durchgebucht”. Klingt fast nach amerikanischem Wahlrecht. Aber lassen wir es gut sein, will eh keiner hören, unser Service-Gemeckere, kommt nur so miesepetrig deutsch rüber.
Wahrscheinlich nimmt es Antonia gerade deswegen nicht wie der normale Australier grinsend “take it easy”-mäßig hin, sondern beschwert sich mit uns im Chor. Antonia ist nämlich Halbdeutsche. Das schlägt sich zwar nicht mehr in größeren Deutschkenntnissen nieder, aber doch in der interessanten Lebensgeschichte ihres Vaters: Dieser lebte in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Künstler in Köln und flüchtete, als die Verhältnisse unangenehm wurden in Hitlerdeutschland, erst in den Widerstand und dann ganz aus dem Land. In den 50ern landete er irgendwie in Australien – und blieb da auch. Von ihm stammt das Artwork des Albums. Eine Art letzte Verneigung vor ihm, da er kürzlich verstorben ist. Es ist eine Arbeit, die an den Bandnamen thematisch anschließt. Ein Name, der, wie Antonia ausführlich erzählt, nicht ironisch gemeint ist, sondern sich aus ihrer Liebe zu Diagrammen herleitet. Kein Scheiß. Und sie kann das in so tollen Worten ausdrücken, dass man es endgültig glaubt: “Sie zeigen dir, wie man etwas benutzen soll. Für mich stehen sie für Dinge, die man sonst nicht erklären kann.” Das Artwork ist für Debütalbum-Verhältnisse ziemlich aufwendig. Doch die beiden wischen grinsend jegliche Skepsis weg: “Das wird Matador recht sein, da man ja in Zeiten digitaler Kopien ein besonderes Werk vorlegen muss.” Klug gesprochen, da kann kein Buchhalter was dagegenhalten.
Aber zurück zur Margherita. Diese ist mittlerweile halb verspeist. Und auch der Namensvetter-Cocktail ist gelandet. Von daher setzt Antonia auch zur Rehabilitierung des Ladens an. Der sei nämlich eigentlich schon okay und so was wie ein Szenetreffpunkt, da erstens billig, und zweitens könnten hier auch Bands spielen. 2001 hat hier auch einer der ersten LOD-Auftritte stattgefunden. Womit wir endlich bei der Musik des Trios angekommen wären.
Beim ersten Hören von “Mosaic” musste ich an Helium denken, die frühere Band von Matador-Künstlerin Mary Timony, deren verletzliche Indie-Epen poröse Texturen mit eindringlichen Riffs verbanden. Doch je tiefer man in den Sound von LOD eintaucht, desto deutlicher schält sich die andere Seite der Band heraus: der aufgeregte New-York-Sound der Stunde, klassischer britischer Postpunk und nicht zuletzt ein Gitarrensound, der einen sofort an die Pixies denken lässt. Passend ergänzt um die nicht narrativen, sehr abstrakt angelegten Texte, die immer vom jeweils Singenden kommen.
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