
Cold War Kids
Die andere Seite
29.01.2007, 06:00, Text:
Heiko Behr, Foto: Christoph Voy
Mit Armut kann man sich leider arrangieren. Zumindest als Beobachter von außen. Das kann so weit gehen, dass man an einen Punkt kommt, an dem man den Obdachlosen auf dem Boden nicht mehr ignorieren muss, da man ihn überhaupt nicht mehr wahrnimmt. Er ist unsichtbar geworden. Die Cold War Kids aus Kalifornien geben der Armut auf ihrem wunderbaren Album “Robbers & Cowards” ein Gesicht, eine Stimme. Ein Gespräch mit Sänger und Texter Nathan Willett.
Wenn ein Kind in einer Großstadt auf einen Obdachlosen trifft, schaut es erst mal hin und will wissen, was da los ist. Die meisten Eltern ziehen es dann beschämt beiseite. Wie würdest du reagieren, wenn dein Sohn dich fragen würde: “Papa, was hat der Mann?”
Wahrscheinlich würde ich so gut es geht erklären, warum ein Mensch obdachlos werden kann. Aber würde das dem Kind überhaupt helfen? Hmmm ...
Vielleicht nicht. Vielleicht werden aber genau da auch Grundlagen geschaffen. Vielleicht verhalten sich die Kinder dann besser als ihre Eltern ...
Es gibt unzählige Möglichkeiten, warum ein Mensch plötzlich am Boden ist: Einige machen sich mit Drogen kaputt, andere haben schlicht ihren Job verloren, und von da an ging es abwärts. Und vielleicht gibt es dann den Moment, wo man denkt: “Hey, jeder kann so enden, ich also auch!” Und genau diesem Gedanken will man sich nicht aussetzen!
Auf eurer Platte hast du oft genau diese Perspektive der Unterdrückten, der Gebrochenen gewählt. Also willst du dich offensichtlich schon damit auseinandersetzen.
Ich weiß, was du meinst. Natürlich könnte man jetzt sagen: Warum sollte ich bitte schön einen Song hören, bei dem es um traurige Themen geht? Warum sollte man über unangenehme Themen mehr nachdenken, als man gerade muss? Tja, das ist eben das wahre Leben. Es gibt ja auch leichtere Seiten auf der Platte, aber die sind ein bisschen versteckter, etwas subtiler.
Es gibt ja Bands, die über das tägliche Leben schreiben.
Ja, Pulp zum Beispiel hatten wahnsinnig viele Schichten in ihren Texten, die man erst mal freilegen musste. Und dann kamen später Bands, die diesen Weg gegangen sind, aber im Grunde hat es sich nicht durchgesetzt.
Bei euch gibt es diesen speziellen und ungewöhnlichen Twist: Man kann sich mit den Figuren selten identifizieren. Ist ja klar: Als Obdachloser kannst du dir die Platte nicht leisten und hast andere Probleme. Wer sich die Platte hingegen leisten kann, ist kein Obdachloser. Geht es euch darum, die Gefahr des Abrutschens aufzuzeigen?
Ob das ein Problem für den Hörer ist, kann ich nicht sagen. Die Personifizierung fällt auf jeden Fall weg, klar, aber das ist dann eben so. Du siehst da auf den Straßen diese Menschen, und eigentlich würdest du allen von ihnen Geld geben. Aber natürlich kannst du das nicht, und natürlich wäre das immer noch zu wenig. Jeder ist also auf seine Weise hilflos. Und das ist schwer zu verdauen. Weil du das wie gesagt im Grunde auch sein könntest. Vielleicht geht es ein bisschen darum, diese andere Seite zu zeigen.
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