
Modular
Ausweitung der Kampfzone
29.01.2007, 06:00, Text:
Dirk Mönkemöller
Australien ist ein beschauliches Land mit viel Sonnenschein und opulenter Natur. Es liegt abgelegen im Nirgendwo und ist damit gut behütet vor hektischen Trends oder einem Popkultur-Overkill, wie er im Schwesterland Großbritannien herrscht. Ganz unbekümmert wuchs so ein Haufen aufregender australischer Bands heran: die Retrorocker Wolfmother etwa oder die Dance-Acts The Presets und Cut Copy. Sie alle haben eines gemein: Ihre australische Heimat heißt Modular. Ein Label, das mehr ist als ein Label und auch international als Geschmacksinstanz geschätzt wird. Alles Weitere klärt ein Besuch im Modular-Headquarter in Sydney – und ein gemeinsamer Abend im Backstageraum.
Die ersten Tage meines Australien-Aufenthalts haben mich drei Dinge über das Land gelehrt:
1. Keine Sau trinkt hier Fosters.
2. Australier schließen Fremde sofort in ihr Herz. Hinzu kommt die Nichtexistenz von Sorgen und Problemen. “No worries, mate!” lautet die gerne und oft ausgesprochene Redewendung.
3. Deutsche Supermarkt-Sonnencreme hat hier nichts verloren. Den real Shit in Sachen Sonnenschutz bietet das staatliche “Cancer Council”: eine Sonnencreme, die wirkungsvoll vor der brutal heißen Sonne schützt.
Es ist Mitte März in Sydney, und so langsam wird der Sommer vom Herbst abgelöst. Das Büro von Modular befindet sich im Stadtteil Darlinghurst, ganz in der Nähe von Downtown, wo Banker herumlaufen, Rucksackreisende in gigantischen Hostels wohnen und sich asiatische Reisegruppen mit Regenschirmen gegen die immer noch starke Sonne schützen. Genauso nah liegt aber auch der nächste Strand – Strände hat Sydney gleich mehrere im gesamten Stadtgebiet zu bieten. Glücklich strahlende junge Leute mit Surfboards unterm Arm sind keine Seltenheit im Straßenbild.
Zum Interview mit dem australischen Paten des guten Geschmacks, Modular-Chef Stephen “Pav” Pavlovic, geht es in eine Gasse mit viktorianischen Reihenhäusern. Very British. Ein dürrer Kerl öffnet die Tür, auf seinem weißen T-Shirt steht in riesigen schwarzen Blocklettern “Fuck you! I’m from Texas” geschrieben. Er führt eine schmale Treppe hinauf in den dritten Stock, wo Pav in einem leeren weißen Raum herumsitzt. Er ist Anfang vierzig, braun gebrannt und unrasiert. Gestern war Pav noch in New York, wo Modular (ebenso wie in London) ein Außenbüro mit zwei Leuten betreibt. Mit breitem australischen Akzent beginnt er über sein Plattenlabel zu sprechen, das mehr als nur ein Plattenlabel ist. Neben ihm sitzt Glen (der T-Shirt-Typ) und nickt immer wieder mal.
Pavs Karriere begann als Fan. Um seine Lieblingsbands live sehen zu können, holte er sie in den 90ern als Booker nach Australien. “Meine erste Tour war für Mudhoney, die zweite für Fugazi. Dann folgten Nirvana und My Bloody Valentine. Ich rief damals einfach die Bands an, die ich liebte. Und die kamen gerne nach Australien, denn hier mussten sie nicht so viele Konzerte an einem Stück spielen wie in Europa oder den USA, und sie konnten ihre freien Tage am Strand verbringen. Das lief ganz unkompliziert.” Natürlich blieb es nicht so unkompliziert, die Touren wurden immer größer (Beck, DJ Shadow, Beastie Boys), und so wurde aus einem Hobby ein Beruf. “1998 schickte mir eine Band aus Melbourne ein Demotape. Die Jungs wollten im Vorprogramm von Jon Spencer auf Tour gehen. Da mir die Musik gefiel, schickte ich sie nicht nur auf Tour, sondern machte auch eine Single mit ihnen.” Die Band hieß The Avalanches und bescherte dem jungen Label mit dem folgenden Album direkt einen Platin-Erfolg. Das verdiente Geld ermöglichte weitere Veröffentlichungen, etwa von den Australiern Ben Lee und Jack Johnson. “Der Erfolg mit unseren ersten Platten hat uns finanziell den Rücken gestärkt und ermöglicht, auch sperrige und weniger erfolgreiche Sachen herauszubringen. Das ist gut, denn unser Motto lautet: Alles geht, es gibt keine Grenzen”, erklärt Pav die Modular-Philosophie. “Wir bringen raus, was uns gefällt. Egal, ob Hardrock oder Polka. Die einzige Hürde, die eine Band nehmen muss, ist er hier!” Pavs Daumen zeigt in Richtung Glen. “Er ist unser Style-Nazi.” Offensichtlich ist Glen ein guter Style-Nazi. Ein Haufen junger australischer Künstler beschert dem “beängstigend geschmackssicheren Label du jour” (Lodown Magazine) derzeit erhöhte Aufmerksamkeit in der ganzen Welt: die 70s-Gitarrenrocker Wolfmother, das Disco-Rock-Outfit Cut Copy, die Synth-Grunge-Popper Van She und das aufgekratzte Dance-Duo The Presets.
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