Clap Your Hands Say Yeah

Meine kleine Firma

29.01.2007, 06:00, Text: Christian Steinbrink, Foto: Edzard Piltz

Internet, das Ungeheuer mit den 1000 Tentakeln. Wenn irgendjemand einen abschlägt, wachsen mindestens drei neue nach. Es ist aber auch ein anderer, differenzierterer Blickwinkel denkbar: Wenn man mittlerweile davon reden kann, dass die Zugangsmöglichkeiten zum www nicht mehr nur durch die Verfügbarkeit von Geldmitteln separiert werden, dann haben sich dadurch die Promotionmöglichkeiten für Musik wenigstens ein Stück weit demokratisiert. Nur eine These. Beispiel gefällig? Clap Your Hands Say Yeah!
Für Alec Ounsworth ist der Fall sowieso ganz klar: “Bring dein Album heraus und erwähne, dass es existiert. Wenn es gut ist, wird es sich auch ohne große Unterstützung eines Labels durchsetzen.” So einfach. Jedenfalls dann, wenn man total übermüdet 14 Stunden nach einem Transatlantikflug vor einem nervigen Journalisten sitzt und drei Stunden später schon das Flugzeug in ein europäisches Nachbarland erreichen muss. Kein Zweifel, Ounsworth ist schwer beschäftigt. Seine Band Clap Your Hands Say Yeah legte schließlich vor einem guten Jahr einen phänomenalen Kaltstart hin, verkaufte weltweit Zehntausende von Platten und hat nun damit zu tun, das ungeduldig erwartete Zweitwerk zu bewerben. Und weil er Sänger, Songwriter und Fokus von CYHSY ist, lümmeln sich die Bandkollegen in Sesseln in der Lobby eines Berliner Hotels, während er in der Suite einen radebrechenden Deutschen nach dem anderen abfertigt. Keine guten Ausgangsbedingungen für inspirierten Gedankenaustausch also.
Im Herbst 2005 waren die fünf Männer aus Brooklyn und Philadelphia eines der ersten Beispiele dafür, dass Bands ohne großen Plattenvertrag oder sonstige finanzielle Unterstützung – nur mittels Multiplikation durchs Internet – eine breite Masse erreichen und begeistern können. Und noch immer sind sie das wohl konsequenteste Beispiel dafür, denn sie veröffentlichten nicht nur ihr selbst betiteltes Debütalbum ohne ein Label im Hintergrund, nein, sie blieben auch auf diesem Weg, als sie populär und zum Wunschobjekt vieler großer und kleiner Plattenfirmen wurden. In den USA haben sie bis heute kein Label, nur für Europa haben sie aus nachvollziehbaren logistischen Gründen bei Wichita in England angeheuert. Denn die Kontakte und Vertriebswege sind auf einem fremden Kontinent naturgemäß lange nicht so vertraut wie auf dem heimischen. Nichtsdestotrotz drängt sich die Frage auf, wie der Arbeitsalltag dieser kleinen ungewöhnlichen Firma denn nun wirklich funktioniert. Ounsworth lässt sich darüber wenig entlocken: “Wir haben unsere Leute, die uns helfen.” Wer das genau ist und ob hinter diesem Phänomen nicht vielleicht doch nur alte, durch die Hintertür laufende Geschäftsmodelle stehen, sagt er nicht. Wie es auch immer aussieht, irgendjemand aus dem Umfeld der Band muss wohl doch über einflussreiche Kontakte verfügen, denn im vergangenen Jahr verkauften sie nicht nur ungemein viele Platten, sondern hatten auch enorm öffentlichkeitswirksame Auftritte in den Talkshows von David Letterman und Conan O’Brien. Sicher ist, dass der Mythos von den zu Hause Plattenpäckchen packenden und verschickenden Bandmitgliedern Geschichte ist, wenn er denn überhaupt je stimmte. Denn bereits im September 2005 unterzeichnete die Band einen Vertriebsdeal mit der Firma ADA Distribution, einer Tochter der Warner Music Group. Und auch, wenn der Firmenboss Andy Allen seinen Vertragspartner damals als “sehr ungewöhnlich” bezeichnete, ist die Band damit wenigstens teilweise in die altbekannte Verwertungskette eingeschwenkt.



Überdies scheint es, dass es nicht die Band selbst, sondern ihr Management ist, das den Löwenanteil der anfallenden Aufgaben erledigt und damit den Eindruck erweckt, mehr oder weniger denselben Job zu machen, der sonst von Label und/oder Promotionagentur geleistet wird. Der Unterschied liegt darin, dass die Position einer Band ihrem Management gegenüber mächtiger und einflussreicher ist als einem Label gegenüber. Inwiefern eine Band ab einem gewissen Popularitätsgrad aber noch in der Lage ist, Entscheidungen des Managements zu kontrollieren und nachzuvollziehen, ist eine Frage, die sich wohl nur im Einzelfall beantworten lässt.
Über all diesen Erwägungen soll aber nicht die neue Platte von CYHSY vergessen werden, denn das hätte sie nicht verdient. Es steckt ja auch eine nicht geringe Herausforderung darin, den Nachfolger eines allerorten gelobten Debüts abzuliefern. Die Band ging diese Herausforderung zusammen mit dem Produzenten und Immer-mal-wieder-Mercury-Rev-Mitglied Dave Fridmann an. Die Entscheidung für den eigentlich für eher sphärische und surreale Einschläge bekannten Fridmann erklärt Ounsworth ganz nüchtern: “Ich kannte ihn vorher kaum, habe mir aber einige der vom ihm produzierten Platten schicken lassen und fand dann, dass er gut passen könnte.” Und auch, wenn es schwierig erscheint, den Sound von beispielsweise Mercury-Rev- oder Flaming-Lips-Platten mit dem von CYHSY in Einklang zu bringen – es hat geklappt. Fridmann hat dem eher dynamischen und kruden Sound der Band ein Gutteil Breite und Komplexität untergemischt und ist in ein paar Fällen sogar über seinen eigenen Schatten gesprungen. Zum Beispiel im Titel- und Eingangsstück “Some Loud Thunder”, dessen rumpeliger Sound im Vorfeld einige Journalisten an der Qualität ihrer Stereoanlagen zweifeln ließ. Aber auch dafür hat Ounsworth eine einfache Erklärung: “Ich fand einfach, dass so ein eher nach Garage klingender Sound gut zu dem Stück passen könnte. Ich wollte niemanden verunsichern oder vor eine Probe stellen.” Auch wenn der Verdacht angesichts des ebenfalls kauzigen Intros des Debütalbums durchaus naheliegt.
Ansonsten hat sich bei CYHSY wenig geändert: Ounsworth lebt immer noch in Philadelphia, der Rest in Brooklyn. Es sei halt so eingespielt, meint der Sänger, und er habe auch kein Problem damit, immer mal wieder mit neuen Songs im Gepäck in den Big Apple zu reisen. Und auch für diejenigen, die sich immer noch über seine außergewöhnliche Stimme mokieren, hat er eine klare Botschaft: “Es wurde so vielen großen Musikern vorgeworfen, nicht singen zu können. Nimm z. B. Lou Reed oder Bob Dylan. Mich nervt es einfach, wenn Leute nicht damit umgehen können, dass etwas ungewohnt klingt.”



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aus Intro #146 (Februar 2007)
 
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