Mogwai / Zidane – A 21st Century Portrait

Art brut

20.11.2006, 06:00, Text: Joachim Henn

Seit dem 9. Juli dieses Jahres ist die an Erzählstoff nicht eben arme Fußballhistorie um eine außergewöhnliche Geschichte reicher. Mit Zinedine Zidane trat ein Großer von der Bühne ab, um nun auf den Kinoleinwänden wieder aufzutauchen. Der berühmte “coup de boule”, der Kopfstoß, ist jedoch nicht Gegenstand des Films “Zidane – A 21st Century Portrait”.

Angelehnt an die George-Best-Doku von Hellmuth Costard, beobachteten stattdessen 17 synchronisierte Kameras einzig Zidane in Echtzeit während der Partie des spanischen Rekordmeisters Real Madrid gegen Villareal, der Protagonist erinnert sich aus dem Off an Stationen seiner Karriere, die musikalische Brücke schlagen Mogwai. Die bei den Schotten zudem eine allzu offensichtliche ist. Einer der beiden Regisseure, Douglas Gordon, stammt aus Glasgow. Und wer mit der “Champions League”-Hymne ein Konzert eröffnet oder ein solches in Trikotagen brasilianischer Traditionsvereine bestreitet, unterläuft von vornherein den Verdacht des Trittbrettfahrertums.


Das Werk ist eine puristische Angelegenheit, die machartbedingt ins Langatmige oder Pathetische zu kippen droht. Die Kameraauswahl zeigt neben der kunstvollen Ballbehandlung oftmals die Einsamkeit des Akteurs, isoliert vom Geschehen im “freien Raum”, für den allein schon die Rückennummer steht. Bei Real Madrid trug Zidane zuletzt die “5”, insbesondere hierzulande bekannt als die Personifizierung des Libero, des freien Mannes, der heutzutage in Theorie und Praxis längst untergegangen und bestenfalls noch Sinnbild für eine anachronistische Spielidee ist. Das Fußballspiel selbst verschwindet im Verlauf des Films, dessen Titel lautet konsequenterweise: “Zidane – A 21st Century Portrait”.

Zu Recht mag man anmerken, dass die getragene Filmmusik, die für Mogwai-Verhältnisse recht undynamisch daherkommt, die Dynamik von Zidanes Spielweise in keinster Weise zur Geltung bringen kann. Und doch tun sich hier Parallelen auf: So wie die Schotten Gefahr liefen, ihr meisterhaftes Leise/Laut-Wechselspiel zum Klischee verkommen zu lassen, so spitzte sich bei Zidanes Karriere unausweichlich die Frage nach dem Abschluss zu: Der mysteriöse Auslöser des Comebacks in der “Equipe tricolore”, die Auswechslung im zweiten Gruppenspiel der WM samt achtlos weggeworfener Kapitänsbinde, das drohende Karriereende auf der Tribüne wegen der Gelbsperre gegen Togo, die entzauberten Brasilianer im Viertelfinale – all dies waren, im Nachhinein betrachtet, nur dramaturgische Noten auf dem letzten Weg eines vermeintlichen Helden, der im Klischee zu enden drohte. Anders gesagt: Obgleich die Bilder eben “nur” Zizous letztes Spiel im Estadio Santiago Bernabeu erzählen, schwingt nunmehr, vom Ende her gesehen – und von Mogwai mit klavierlastigen, schweren Klängen illustriert –, das Finale in Berlin als Blaupause immer mit.

Unvergessen bleibt die mediale Zuspitzung dieses Endspiels auf den Akt des Kopfstoßes, der etwa die Herren Delling und Netzer in empörter Sprachlosigkeit zurückließ. Dabei hatte Zidane, wie Dirk Kniphals danach festhielt, nur demonstriert, dass seine Karriere nicht in überholte Maßstäbe passte, sondern er allein mit den von ihm selbst gesetzten Maßstäben beurteilt werden kann. Ironie am Rande der Geschichte: Der Bruch mit den Regeln konnte nur durch einen weiteren Bruch geahndet werden. Die auf den Kopfstoß folgende rote Karte gilt hinter vorgehaltener Hand als Geburtsstunde des Videobeweises, der bislang im Regelwerk nicht zugelassen ist.

Kurzum: Die Geschichte Zidanes gleicht der eines Künstlers – als 13-Jähriger verließ der schon bald darauf von Heimweh Geplagte sein Elternhaus in den Vororten von Marseille, um im Jugendinternat von Cannes seine Karriere vorzubereiten. 21 Jahre nach diesem Auszug kehrte der Künstler als Kunstfigur in Gestalt des Films “Zidane – A 21st Century Portrait” außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen an die Croisette zurück.



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