Jahresrückblick

Das unheimliche Fremde

30.12.2006, 18:00, Text: meike wolf

Horror und Mainstream – wenn diese Verbindung in den letzten Jahren kaum mehr bedeutete als die hysterischen und knallbunten Teenslasher der 90er, so zeichnete sich 2006 eine arge Trendwende ab: Das Gore-Kino ist salonfähig geworden. Schmerz unter dem Mikroskop, beklemmend und böse. Was sich in den Vorjahren vor allem in Form von mehr oder weniger gelungenen Remakes der alten Klassiker (“Dawn Of The Dead”, “Texas Chainsaw Massacre”) bereits andeutete, ist das Erblühen einer neuen Form von Horror, schmerzhaft und kompromisslos. Filme wie “Wolf Creek”, “Hostel” oder “The Devil Rejects” erzählen das ewige Drama der Hinterwäldler, die Gruppen gestrandeter Highschoolkids o. ä. nachstellen, neu – und treiben das Grauen bis zum Äußersten. Gefangen in einer fremdartigen und sinnentleerten Anderwelt, sehen sich die meist jugendlichen Protagonisten mit einer zeitgenössischen Variante des Backwoodslashers konfrontiert. Rasch gewinnt das unheimliche Fremde Oberhand, die niemals harmlos wirkenden Peiniger geben sich schnell zu erkennen, und es kommt, wie es kommen muss: Hilflose Körper werden in quälend präzisen Bildern mit Messern, Sägen und Bohrmaschinen traktiert. Wo der klassische Splatter ironisch Distanz zum Zuschauer hält, entlässt uns der neue Horror direkt ins Zentrum des Geschehens. Seine Geschichten von Folter und Ohnmacht kennen keine Hintertüren oder Abblenden und nur eine Richtung: vorwärts. Die minutiöse Konfrontation mit den Bildern der Qual ist dabei ebenso brutal wie die Wahl der Waffen selbst. “Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle, Hölle, Hölle?” Schmerz, Ohnmacht und Angst, sicher sind das elementare Erfahrungen. Aber auszuhalten ist dieser Genre-Turn kaum.




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