Jahresrückblick

Arme kleine Deutsche: Das Jahr der Fahnen

30.12.2006, 10:00, Text: Knarf Rellöm

Die Fahnen schwingenden Deutschlandbesoffenen waren mir eigentlich egal. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da ein neuer Faschismus (oder ein alter in neuem Gewand) heranwächst. Was mich ärgerte, waren die väterlichen, politischen Erklärer des Phänomens, das Feuilleton, die Grauzone der Interpretation. Dort konnte ich Folgendes lesen:

“Im Zuge der Fußballweltmeisterschaft machen uns unsere Kinder vor, wie man sein Land richtig feiert. Von ihnen können wir lernen, wie unverkrampft und normal Vaterlandsliebe sein kann. Normalität” bla, bla, bla. Eine merkwürdige Sehnsucht. Nicht jeder, der so etwas schreibt, ist ein Nazi, aber diese Art zu denken ist ein rechter Reflex: Ich darf mir etwas nicht erlauben, was normal und natürlich ist, und irgendetwas (die 68er, die Ausländer, die Juden, die Kommunisten) verbietet es mir.


Scheinbar gibt es eine Instanz, die Deutschen verbietet, so zu sein, wie sie sein wollen. Scheinbar gibt es ein Welt-Political-Correctness-Gericht. Dieses befindet sich vielleicht wie ein Über-Ich im Inneren von Deutschen. Jedenfalls scheinen Deutsche nach der Weltmeisterschaft der Herzen endlich offiziell natürliche Vaterlandsliebe empfinden zu dürfen. Und Vaterlandsliebe, das ist eben Biologie, das hat nun mal jeder Mensch. Mich stinkt dieses Argument des Natürlichen an, nicht nur politisch, sondern eben auch künstlerisch. Deswegen habe ich mich mit der Trinity, dem Shi Sha Shellöm, dem Ism und auch als Ladies Love immer wieder gegen das Authentische, für das offensiv Unauthentische ausgesprochen. Heißt: David Bowie statt Status Quo, Sun Ra statt 50 Cent (Entschuldigung 50, aber das, was du machst, ist mir, bei aller Bewunderung, einfach zu eindimensional), Kraftwerk statt Wir Sind Helden, Mars statt Deutschland (siehe auch das Stück “Move Your Ass And Your Mind Will Follow”).

Unser Stück “Arme kleine Deutsche” wiederum ist die popmusikalische Variante der Antifa-Forderung, die Täter nicht zu Opfern werden zu lassen. Die Täter (und, was viel wichtiger ist, ihre Nachfolger im Geiste, die Neo-Nazis) verfügen nämlich über ein beachtliches Maß an Selbstmitleid, was dazu führt, die Deutschen immer nur als Opfer zu empfinden. Im Gegenzug werden die Opfer zu Tätern gemacht. Der Gedanke, dass die Juden schuld am Holocaust seien, ist ein normaler Topos in der rechten Szene. “Hey, Herrenmenschen! Ihr werdet benachteiligt?” finde ich eigentlich besser als “Nazis raus!”

Abschließend ein Lesetipp: Die Täter/Opfer-Konstruktion findet sich auch in dem Roman “Der Nazi und der Frisör” des fantastischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath. Dieser Artikel ist DJ Patex und Viktor Marek von der Knarf Rellöm Trinity gewidmet.



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