Jahresrückblick

Dubstep. Der Grime aus 2006

01.01.2007, 10:00, Text: Klaus Fiehe

Ein lauer Sommerabend. Aus den Boxen des Clubs plärren alte Reggaelieder und mischen sich mit Gesprächsfetzen und Gläserklirren. Es ist Mitternacht, der Laden füllt sich. Niemand tanzt. Plötzlich dröhnt der Sound von Nebelhörnern durch den Raum. Wie von fern erklingt ein dumpfes Grollen, das sich zu einem harten, auftaktigen Beat verdichtet. Dann kommt die Bassrutsche. Er ist da, er ist gelandet. Hier und anderswo: Dubstep erreicht die hiesigen Clubs.

Was ist das? Der neuartige Bass-Sound aus Londons Süden erstaunt, weil der überwiegende Teil der Tracks den vertrauten 2Step-Garage-Beat auf die Hälfte reduziert. Die rhythmische Wucht entlädt sich innerhalb eines Taktes so allein auf dem dritten Schlag. Als Resultat entsteht eine Musik der großen Auslassung, der düster, bedrohlich und gleichwohl majestätisch anmutenden Langsamkeit. Der Londoner Szenekenner Martin Clark: “Dubstep is the sound of dark, decaying London ...” Dunkel – die Anfänge von Dubstep sind alles andere als das.


Im Jahr 2000 veröffentlicht das bis dato unbekannte Londoner Label Tempa eine erste Maxi der Horsepower Procuctions. Der ungewöhnliche Dub-2Step erregt allgemeine Heiterkeit. Schuld sind die synkopischen Piano-Chords, die fröhlich durch den Track wippen und gelegentlich von Pistolenschüssen überlagert werden. Die Tempa-Crew startet die Partyreihe “Forward”, eine andere Anlaufstelle ist Big Apple, Recordshop und Label in einem. Zwei Protagonisten der emsigen und dabei bestaunenswert überschaubaren Dubstep-Szene lernen sich über Big Apple kennen: Skream und Benga. Ihre Versuche, die dunklen 2Stepper des kultisch verehrten El-B nachzuahmen, scheitern. Um El-Bs nie veröffentlichtes Album ranken sich wahre Mythen. Burial: “Sein dunkler Swing ist das letzte große Geheimnis.” Die zwei Teenager freilich erkennen den bizarren Glanz ihres Scheiterns. Sie zählen so neben Digital Mystikz, Kromestar, Kode9, Youngsta, Loefah, D1, dem Manchester-Nordlicht M.R.K.1 und natürlich Burial zu den Pionieren eines ehemals minimalen Bass- und Beatgeflechts, das jetzt Vielfalt entwickelt.

Es tauchen warme String-Flächen auf, eigenartig pentatonische Melodien schlingern durch die Tracks (Benga). Kode9 überrascht auf seinem Album “Memories Of The Future” mit flüsternden Beckenschlägen, wie überhaupt das rhythmische Korsett aufweicht. Geenius wandelt genial zwischen Dubstep und Grime. Hoch im Kurs stehen als Sample-Quelle obskure chinesische CDs mit Gongklängen. Das Label Skull Disco kommt mit fast nichts als meditativer Percussion und sporadischen Basswölbungen. Die Eintütungen von Tracks wie “Hamas Rule” zeigen Comic-haft gezeichnete Totenschädel, surreal übereinandergeschichtet. Outlaw-Rock’n’Roll? Nein, Dubstep! Bleiben die Partys. Der beste Platz für Kreislaufschwache befindet sich direkt vor den Boxen. Deren Subbass geplagten Membranen pumpen mehr Frischluft in die Lungen als ein Orkan irgendwo zwischen Dover und Wilhelmshaven.



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