Jahresrückblick

Durch das Jahr mit Oli (Tomte)

24.12.2006, 10:00, Text: Oliver Koch

Highlight des Jahres?

Mit der Band in St. Petersburg. Damit sollte ein Traum in Erfüllung gehen, so dachte ich mir. Wie sehr ich mich mit meiner Idee eines romantischen Auslandsabenteuers jedoch verschätzt hatte, zeigte die offensichtlich extreme soziale Spaltung der Stadt. Nach dem Konzert saß ich allein in einem Taxi, bis mich dann der blinde Passagier von hinten berührte. Die Türen waren verriegelt. Ach, hätte ich mir nicht eingebildet, ein total polyglotter Metropolenkenner zu sein, wäre das sicherlich nicht passiert. Wieso trotzdem Highlight? Weil sich so rührend um uns gekümmert wurde, wir zu Beginn der Weißen Nächte in Puschkins Stadt ein spitzenmäßiges Konzert gespielt haben, sich einmal wieder bewiesen hat, wie lehrreich das Reisen doch ist, und ich mich gern belehren lasse.

Bestes Konzert?


Weil es Festival-Bühnen geschafft haben, mir einige heiß geliebte Bands gänzlich zu vergällen, hatte ich mir vorgenommen, mir auf Festivals eigentlich nichts mehr anzusehen. Aber Broken Social Scene auf dem Immergut, da musste ich hin. Das ging nicht anders. Ein Konzert und ein Song. Wahnsinn! Ich bin Fan.

Beste Platte des Jahres?


Joanna Newsom, Midlake, Bonnie “Prince” Billy, Mountain Goats? Ich würde sagen, es sind die Mountain Goats. Mir gefällt dieser vollkommen unaufgeregte Zugang. Als käme John Darnielle wirklich in keinem Augenblick der Gedanke, irgendetwas von dir zu wollen. Das ist Musik, dem das Verlangen abgeht, Leute zum Tanzen oder Mitfühlen oder sonst etwas zu bringen. Irgendwie so zweckfrei, Songs, die um ihrer selbst willen geschrieben wurden. Was soll ich mir zu Hause auch Hard Fi oder Arctic Monkeys anhören, wenn ich ebenso “Get Lonely” von den Mountain Goats auflegen kann?


Sonst noch was? Film/Buch/Computerspiel/Kunst/Mode?

“American Hardcore”. Davon wusste in den 80er-Jahren nur eine Handvoll Spezialjugendlicher, die auf Konzerten der Circle Jerks oder SSD anzutreffen waren. Eine wirklich sagenhafte Zusammenschau von Videoaufnahmen, Schwarz-Weiß-Flyern und Interviews, die wie kein Dokument zuvor ein derart kompaktes und aufregendes Portrait einer Szene zeichnet, dass ich mich sofort geärgert habe, nicht dabei gewesen zu sein. Herrlich. Mittlerweile angejahrte Herrschaften erkennen auch zurückblickend den Sinn ihrer jugendlichen Radikalität und berichten ernst, ohne jedwedes Belächeln, von den Anfängen dieser folgenreichen Bewegung. Guck ich im Kino noch mal.

Außerdem: Die Feuilletons waren voll davon: Kathrin Passig gewinnt den Bachmann-Preis. Darf die das überhaupt, wo sie doch in der Vergangenheit eben nicht als Schriftstellerin, sondern Journalistin und Bloggerin in Erscheinung getreten war? Versteckt sich dahinter nicht ein intellektueller Coup, eine Unterwanderung der etablierten Literaturszene? Und was verbirgt sich eigentlich hinter der Zentralen Intelligenz Agentur, deren Mitarbeiterin sie ist? Diese Fragen stellte sich die obere Kulturetage in diesem Sommer. Wenig später tritt die Agentur erneut in Erscheinung, gewinnt mit ihrem Blog Riesenmaschine den Grimme-Preis und sorgt mit einem Buch über eine digitale Boheme für Aufsehen. Bemerkenswert, was da los ist. Unbedingt verfolgen.

Wo hast du das Spiel Deutschland – Italien gesehen?


Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Frage ernst gemeint ist. Ich habe probiert, mich für König Fußball zu begeistern – ohne Erfolg. Was mich früher nicht interessiert hat, ist mir leider gerade in diesem Jahr massiv auf die Nerven gegangen. Ich habe keine Ahnung, was an diesem Spiel so besonders gewesen sein könnte. Und was soll dieser Quatsch mit den Fahnen?



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