Jahresrückblick

2006. Das Jahr der Nicht- und Neuspieler

20.11.2006, 06:00, Text: Gregor Wildermann

Eigentlich hatte man sich schon fast daran gewöhnt, beim Thema Computerspiele sofort in Abwehrhaltung und Rechtfertigungsmodus zu gehen. Wie, du bist über 30 Jahre alt und spielst immer noch mit so einem Zeug? Dabei brauchte es noch nicht einmal eine Studie von Springer & Jacoby, um zu merken, dass 2006 ein deutlicher Imagewandel eingesetzt hat. Das Skandalgespenst Videospiele wird nach und nach vom nicht mehr ignorierbaren Kulturträger verdrängt. Nach einigen Jahren eher undifferenzierter Berichterstattung scheinen Inhalte, eine neue Geschlechterverteilung und auch der soziale Aspekt des gemeinsamen Videospielerlebnisses ein Umdenken in Gang gebracht zu haben.

Der Popularitätsvirus des Online-Strategiespiels “World Of Warcraft” war nicht zu stoppen und mauserte sich besonders in den Tagesthemen der ARD zu deren Lieblingsthema im Bereich der Videospiele. In Amerika wurde dem Spiel gleich eine ganze “South Park”-Folge gewidmet, wobei das Bild des leicht asozialen Onlinespielers ohne Freunde und wirkliches Leben dort genial überstrapaziert wurde. Tatsache ist: Dieses Jahr hat sich an beiden Extremen etwas getan. Einerseits gibt es mit eGames jetzt auch ein eigenes monatliches Fachmagazin für Profispieler, entgegengesetzt bringt die Sendung “Game One” jetzt auch auf MTV Spiele. Und wer hätte erwartet, dass selbst die FAZ mittlerweile regelmäßig Videospiele im Feuilleton betrachtet und sich dabei hinreißen lässt, Bilder aus selbst völlig sinnfreien Shootern wie “Just Cause” mit Werken von Caspar David Friedrich zu vergleichen? Neu auch die Promidichte bei Anzeigen für Videospiele: Jörg Pilawa macht sich als Quizonkel für “Dr. Kawashimas Gehirnjogging” auf dem DS stark, Verena Pooth rückt ihr Dekolleté für das Spiel zu “Desperate Housewifes” ins rechte Licht, und Sky Du Mont macht Werbung für das völlig unverfängliche “Anno 1701”. Also alles supa-dupa in Konsolien? Für die Industrie bedeutete dieses Jahr eher eine Durststrecke, denn trotz Zuwachszahlen macht sich der Generationenwechsel der Konsolen kaum bemerkbar – erst 2007 dürfte sich zeigen, wie die Karten unter Sony (PS3), Nintendo (Wii) und Microsoft (Xbox 360) wirklich gemischt sind. Auch ob die auf März 2007 verschobene PlayStation3 zeitnah angenommen wird, kann zunächst nur mit einem Fragezeichen beantwortet werden.


Umso wichtiger wurden 2006 die mobilen Spielkonsolen wie Sonys PSP oder Nintendos DS. Ein wirklicher Inhaltewandel zeigte sich vor allem bei der Software, denn immer mehr scheinbar spielfremde Inhalte und Spiele für über 40-Jährige beiderlei Geschlechts beziehungsweise Mädchen fanden den Weg auf die Handhelds. Das weiße Designerstück namens Nintendo DS Lite ist dann plötzlich Englisch- und Mathetrainer, und die PSP kann mittels aufgeschraubtem Mikrofon als Sprachtrainer dienen. Das geht immerhin so weit, dass bei German Wings auf Flügen PSPs mit der Reiseführersoftware “Passport To ...” als Travel-Entertainment verfügbar sind. Geht also doch ein Ruck durch Deutschland? An der Rumble-Funktion allein hat es 2006 zumindest nicht gelegen.



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