Jahresrückblick

Elend-TV. Hilfe, rette mich!

26.12.2006, 10:00, Text: linus volkmann
[3 Kommentare]

Sicherlich kann die jährliche Varianz des Genres Doku-Soaps nicht als offizieller Gradmesser einer gesamtgesellschaftlichen Befindlichkeit gelesen werden. Dafür überwiegt bei aggressiv dümmlichen Formaten wie “Lensen & Partner”, “2 bei Kallwas”, “Alexander Hold” einfach zu sehr der Trash-Faktor. Manches blüht ohnehin nur einen Sommer, anderes schwillt zwischenzeitlich aufs Groteskeste an (von Gartensoaps zu Promifolter, Problemfiction zu Gerichtsshows und zurück). Das hässliche Kunstwerk bietet dabei stets abartigen Voyeurismus sowie mitunter glänzende Unterhaltung, für die man sich dennoch ungemein schämen muss. Dieses Jahr lässt sich hier aber eine Nuancenverschiebung konstatieren, die aussagekräftiger ist als das meiste Bisherige.


Nicht umsonst trägt diese bestimmte Art des TVs den plakativen, seltsam klassenbewussten, von Harald Schmidt geprägten Namen “Unterschichten-Fernsehen”. Dabei dreht es sich letztendlich nicht wie in England nur um den Trend des Abkultens des Prolls in sich selbst, nein, in der deutschen Variante geht es bedrückend und schmerzhaft ironiefrei tatsächlich um Sozialabstieg und die Folgen. Und so lässt sich an den neuen Formaten ablesen, wie es um jene Kaste bestellt ist. Und der geht es, wie man weiß, ohnehin nicht gut: Armut, so hat sich in den Hartz-IV-Diskussionen durchgesetzt, ist ein Verbrechen, das bestraft werden muss. Im Raum steht zudem der Vorwurf des Sozialbetrugs durch die bloße Existenz. Der ökonomische wie ideologische Druck nach unten ist immens gewachsen seit der Agenda 2010 und den Rückzugsgefechten des Sozialstaats. Und wo die letzten Jahre noch von diffusem Aufbegehren gegen diese neuen prekarisierten Lebensverhältnisse geprägt waren, kann 2006 als das Jahr gelten, in dem das Paket bei den Abgehängten angekommen ist. Drinnen eine Notiz: “Wir müssen mit Niedriglöhnen aus China konkurrieren, wir haben zu wenig Kinder aus den gebildeteren Kreise, du und deine Brut ziehen uns nur tiefer runter, und wir wurden ja noch nicht mal Weltmeister, obwohl die Niedersten von euch sich mit der Fahnenhuberei derart an den Staat angebiedert hatten!”

Der gefühlte Verlust der staatlichen Sorgfaltspflicht wurde 2006 manifest in diversen Formaten des Privatfernsehens: in einer Neuauflage des migrantischen Ausbildungsersatzprogramms “Popstars” und vor allem zynischem Kram wie “Vera hilft dir” oder Ähnliches mit Bärbel Schäfer. In Not geratene Familien, alleinerziehende Mütter u. ä. werden vorgeführt und mit exemplarisch zusammengeschnorrten Almosen aus der Nachbarschaft bedacht. Viel unwürdiges Spektakel, eine Travestie auf den Sozialstaat, was allerdings auch die tiefe Sehnsucht danach zeigt, wieder Wohlfahrt und Aufgehobenheit zu erleben. Da diese Aspekte als gesellschaftlich untragbar stigmatisiert wurden, füllt Trash-Doku-TV nun zumindest die Projektionsfläche des Wunschs. Wer doch noch eine Chance auf Zahnersatz im Alter haben will, dürfte sich in Zukunft resigniert gar nicht erst an Ulla Schmidts Ministerium, sondern direkt an RTL2 wenden.



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aus Intro #145 (1)
 
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  • AlexColonia 12.12.2006 | 23:45:25

    "Warum einfaches nicht kompliziert ausdrücken", dachte sich da wohl der Autor.

  • sleepyarchive 26.12.2006 | 10:58:53

    vielleicht ist es auch einfach so: je simpler man komplizierte sachverhalte notieren möchte, desto mehr worte benötigt man und diese wiederholen sich dann auch noch nervtötend häufig. das resultat: viel labern, aber eigentlich nix sagen. und die alternative wäre, den sachverhalt noch weiter zu banalisieren. da ist man dann aber auch schnell in so absolutistischen schwachsinns-streifen wie "vendetta".

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