
Jahresrückblick
Beirut 2006. Krieg als Hörtraining
29.12.2006, 16:00, Text:
Thomas Burkhalter, Foto: Thomas Burkhalter
34 Tage und Nächte lang wütete diesen Sommer wieder Krieg in Libanon. Wieder waren die MusikerInnen der aufstrebenden Beiruter Subkulturszene mit den Schrecken ihrer Kindheit konfrontiert: mit ihren Hör-Erinnerungen an die Propaganda-Musik, News-Flashs, Maschinengewehre, Bomben und Kriegsflugzeuge des libanesischen Bürgerkrieges (1975-1990). Als Kind konnten sie fast jeden Flugzeugtyp, jede Bombe, jede Rakete allein vom Sound her erkennen: “Machte es ‘ziiisssssch’, so steuerte das Geschoss genau auf dich zu, und du musstest schleunigst an einen sicheren Ort”, erinnert sich etwa Mazen Kerbaj. Seine Freunde und Mitmusiker Charbel Haber und Raed Yassin nicken bestätigend.
Nadim Mishlawi, Komponist von Musique Concrète und Radio Art, versuchte im 2006-Krieg zwischen Israel und der Hisbollah das Gehörte geografisch zu orten: “Man sieht sie ja nicht, die Flugzeuge und Kriegsschiffe. Übers Ohr versuchst du darum, die Einschläge von Bomben zu lokalisieren und Gefahren abzuschätzen. Du versuchst, deine Angst zu kontrollieren.” Andere fragten sich, ob die Kriegsmaschinerie eigentlich auch ein “Sound-Design” bekäme – so wie heute alle Haushaltsgeräte oder Autotüren. All die dumpfen Bombeneinschläge und die so furchtbar laut krachenden und knatternden “Sonic Booms”, mit denen die israelischen Piloten die libanesische Bevölkerung Nacht für Nacht psychologisch fertigmachten, nährten diese Vermutung durchaus: Der ganze Himmel vibrierte, so, als würde er über der Stadt zusammenbrechen. Dieser Krieg krachte lauter und bedrohlicher als der libanesische Bürgerkrieg, da scheinen sich alle einig. Oder sind die Hör-Erinnerungen an den Bürgerkrieg einfach nostalgisch verklärt – so wie jede Erinnerung an die eigene Kindheit? “Meine gesamte Kindheit spielte sich nun mal im Krieg ab. Ich kannte nichts anderes”, sagt der Trompeter Mazen Kerbaj zu jedem, der es hören will. “Wahrscheinlich imitiere ich auf meiner Trompete die Geräusche aus meiner Kindheit. Ich habe zudem eine spezielle Beziehung zu Stille. Stille ist zwar ein Synonym für Frieden, aber Stille war immer auch bedrohlich: ein Warten auf den nächsten Bombenhagel.” Andere Fragen tauchten auf: Schärft Krieg das Gehör? Krieg als Hörtraining, als Alternative zu Solfège, also der klassischen Ausbildung in Musiktheorie? Zynismus und schwarzer Humor, Faszination und Angst wechselten sich schnell ab in und nach diesem jüngsten Krieg.
Während des Kriegs setzte die alternative Musikszene voll und ganz aufs Internet. Mazen Kerbaj spielte auf seinem Balkon Trompete zu den Sounds der Bomben und stellte den MP3-File “Starry Nights” zum Download frei. Zu hören sind seine luftige Trompete und ein Grollen im Hintergrund. Laute Bombeneinschläge folgen, sie lösen die Alarmanlagen der geparkten Autos in den Straßen aus. Hunde bellen. Und zwischendurch herrscht eine unheimliche Stille. Diese wird auch in “Summerdrone” thematisiert, einem Stück des Post-Punkers und Elektroakustikers Charbel Haber: ein endloses, unstrukturiertes und unkenntliches Dröhnen von Gitarren und Kampfflugzeugen. Der Freejazzer, Soundtüftler und Schauspieler Raed Yassin nahm alles auf: Kriegssounds, politische Reden, Nachrichten-Trailer und Werbe-Jingles. “Ich habe so viel gearbeitet wie wohl noch nie in meinem Leben”, sagt er. In seinem Kriegsstück “Day 13” verbindet er den besagten medialen Irrsinn zu einer chaotischen Soundcollage. Post-Rocker und Rapper versuchten auch während des Krieges ein paar Konzerte in Beirut und im näheren Ausland zu geben: The New Government spielten in Beirut ihre eigenwillige Adaption des Hitsongs “Staying Alive”: “Staying alive ... what the f* is going on”, sang Zeid Hamdan mit seiner hohen, theatralischen Stimme, dazu spielten seine Bandkollegen Reggae mit fetten Bässen; Charbel Haber schrie die Lyrics von “A Bullet And A Gum” ins Publikum, seine Scrambled Eggs dreschten und hämmerten dazu auf Gitarren und Drums ein; die Rapcrew um DJ Lethal Skillz – gut vertreten in Hans Nieswandts neuestem Buch “Disko Ramallah” – verlegte ihr Scratchen und Rappen nach Amman, der Hauptstadt des haschemitischen Königreichs Jordanien, um Geld für humanitäre Organisationen einzuspielen; andere sammelten Geld via Webnetzwerk MySpace – etwa die Rocktruppe The Kordz.
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