
Jahresrückblick
2006, das Jahr der Initiative “40+”. Oder: Das Clint-Eastwood-Prinzip
01.01.2007, 16:00, Text:
Felix Klopotek
Leute, von denen man den Eindruck hatte, sie hörten nur Musik, die nicht älter als sechs Monate ist, schwärmen von der neuen CD Bob Dylans. Beim Indie-Plattenhändler von nebenan ist das aktuelle Album von The Rapture Blei in den Regalen, während die allerletzten Aufnahmen Johnny Cashs wie warme Semmeln über die Theke gehen. Intro nimmt Morrissey, Steve Albini und die Flaming Lips aufs Cover und lässt die Red Hot Chili Peppers mit Mike Watt konferieren. Scott Walker feiert ein großes Comeback, Mayo Thompson ein kleines. Neil Young kämpft mit Fanfaren und Chören gegen George W. Bush. Die Goldenen Zitronen liefern nach fünf Jahren wieder ein fantastisches Album, und anlässlich ihrer jüngst vergangenen Tour raunen Insider, es könnte ihre letzte gewesen sein. Lauter alte Helden. 2006 war für die Popmusik das Jahr der Initiative “40+”. Ach so, The Who haben auch noch nachgelegt. Ein neues Album, das erste seit 23 Jahren. Dabei lebt doch von denen kaum noch einer. Reden wir von der Initiative “60+”.
Dass es einen positiven Bezug auf alte Säcke gibt (in der Tat handelt es sich in den allermeisten Fällen um Männer), ist in der Popmusik, wo doch sonst die Feier des ewig Jungen regiert, nichts Neues. Spätestens mit Grunge, mit dem Entstehen einer wertkonservativen Punkszene ist dieser Bezug etabliert. Es gilt die Faustregel: Hat eine Szene, egal ob Free Jazz, Techno, HipHop oder Indie, erst mal zwanzig Jahre hinter sich, hat sie sich jene Überväter und legendären Typen geschaffen, an denen es sich fortan abzuarbeiten gilt. Dass dieses Jahr so viele dieser legendären Typen so präsent gewesen sind, verweist aber weniger auf ein gesteigertes Geschichtsbewusstsein als auf eine Krise der Popmusik.
Dreh- und Angelpunkt der Popmusik ist nicht zuletzt ihre Jugendlichkeit und ihr Glücksversprechen. Leute wie Dylan, Young, auch Bruce Springsteen sind aber schlicht viel zu lange dabei, um noch irgendwas zu verheißen. Sie liefern das Gegenteil: Abklärung, Resignation, nüchterne Formulierung von Notwendigkeiten, Konzentration auf tradierte Formen. Das gilt auch für die neue Musik Scott Walkers, für den Punk der Goldenen Zitronen oder die ironisch-altersweisen Improvisationen von Mayo Thompsons Red Krayola.
Der jugendliche Pop, wie er sich 2004 und 2005 noch einmal zu großen Gesten aufschwang (man erinnere sich an The Rapture, Franz Ferdinand, Arctic Monkeys, Maximo Park etc. pp.), hat sich ins Abseits katapultiert: Alle Energie, alle Euphorie dieser Musik ist darin aufgegangen, ein bestimmtes Format, das sich heuer in Form einer MySpace-Seite oder YouTube-Videos materialisiert, zu erfüllen. Euphorie existiert hier nicht als Überschuss, als unkontrollierbares Moment, sondern ist immer schon in den Dienst eines Styles gestellt.
Natürlich bedeutet alles andere harte Arbeit. Aber Bands, die so sehr darauf versessen sind, ein Format zu erfüllen, trauen viele Hörer nicht zu, dass sie darüber hinaus in der Lage sind, sich ernsthaft mit gesellschaftlichen Problemen oder einfach nur mit musikalischen, die jenseits dieses Formates liegen, auseinanderzusetzen – das sollten sie also berücksichtigen beim Abwägen, ob es ihnen die Arbeit wert ist. Dass Musiker, von denen man eigentlich nichts mehr zu erwarten hat, weil sie doch ihre großen Statements vor Jahren abgeliefert hatten, sich aufraffen und sich den musikalischen wie politischen Fragen dieser Popkultur-Epoche stellen, passt deshalb wie die Faust aufs Auge. Es ist das Clint-Eastwood-Prinzip: Wo die Jungen zu schlapp sind, müssen es die Alten richten. Natürlich bleibt ein Unbehagen, schließlich verbirgt sich hinter diesem Prinzip auch eine autoritäre Geste.
2007 wird die zweite Runde des jüngsten Neo-Wave-Rock-Hypes eingeläutet: Die neuen Alben von Bloc Party, Maximo Park, Franz Ferdinand und Arctic Monkeys stehen an. Es könnte schon die letzte Runde sein. Das kommt vor im schnelllebigen Pop. Die interessante Frage ist: Was käme danach? Dass es noch mal ein Jahr gibt, in dem Neil Young und Morrissey, Bruce Springsteen und Die Goldenen Zitronen dominieren, kann man sich nicht vorstellen.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...
Gruppen
GelaSkins
Die besten Skins auf dem Planeten.
Original Kunstdrucke von ausschließlich lizenzierten Künstlern (von zeitgenössisch über Urban StreetStyle). Individualiserung total für Laptop, Netbook, iPod, iPhone, Blackberrie & Gaming.
Find yours & join it: www.gelaskins-deutschland.de




