
Magic Numbers
Kraut-Pleasers
20.11.2006, 06:00, Text:
Jürgen Dobelmann
Wie kann ein einzelner, stark gesichtsbehaarter, heterosexueller 100-Kilo-Mann nur so dermaßen viel Charme abstrahlen? Ob im verkaufsfördernden Journalisten-Gespräch am Nachmittag oder beim gemeinsamen öffentlichen Band-Musizieren im Münchner Indie-Pop-Club am Abend – Romeo Stodart fliegen die Herzen der Zuhörer in tief empfundener Konkordanz zu. Die fingerfertige Leichtigkeit, mit der der näselnde 29-Jährige seine Evergreen-tauglichen Kompositionen zur Aufführung bringt, lassen die Posen Transpirations-betroffener Musik-Schwerarbeiter als unerträglich obszön erscheinen. Eine Recherche bei den führenden online vertretenen Musikmagazinen ergibt zudem ein erschütterndes Bild: Seit der Veröffentlichung ihrer (Vinyl-7-Inch-) Debütsingle “Hymn For Her” im November 2004 gelang es keinem Journalisten, auch nur den Hauch von Mittelmäßigkeit im Oeuvre des Quartetts auszumachen. Es scheint, als seien Angela und Sean Gannon, Michele und Romeo Stodart im höchsten Maße gegen Musikkritik immun. “Natürlich sind wir geschmeichelt, dass man nie etwas Negatives liest”, gibt der Bandleader zu. “Wir hatten uns schon gewundert. Doch neulich ist es passiert: Der NME schrieb eine, nein, sogar zwei schlechte Kritiken.”
Dass es sich dabei weniger um die ersten Anzeichen des für jede UK-Band unausweichlichen Backlashs als schlicht um den Übereifer eines Einzelnen handelt, lässt sich unschwer an der Qualität des neuen Albums “Those The Brokes” ablesen, dem Follow-up zum Mercury-Prize-nominierten Doppelplatin-Debüt “The Magic Numbers” aus dem vergangenen Jahr – ein weiteres gutes Dutzend magisch-tröstlicher Pop-Momente, wie sie aktuell nur die Londoner Geschwisterpaare zu kreieren imstande sind. Die Entscheidung, die Aufnahmen heuer persönlich in den New Yorker Allaire Studios zu produzieren, fiel indes nicht nur aus Budgetierungsgründen leicht: “Wenn man nur mit einem Engineer statt einem Produzenten ins Studio geht, dann ist man der Boss und muss keine Kämpfe ausfechten, die Energie und Zeit stehlen”, erklärt Romeo, der sein Label Heavenly (Doves etc.) schnell davon überzeugen konnte, bereits beim zweiten, wichtigen/schwierigen Album die volle Eigenregie-Verantwortung zu übernehmen.
Wie das Quartett angesichts solch musikalisch-handwerklicher Vielfach-Qualifikation als Headliner des von Saint-Etienne-Mastermind Bob Stanley kuratierten C86-Festivals taugen konnte, das den Mittachtziger-DIY-Freigeist von Indie-Pop-Pionieren wie Primal Scream und Half Man Half Biscuit zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des gleichnamigen, Genre-prägenden NME-Freebies hochleben ließ, begründet der Sänger und Gitarrist mit der geistesverwandten Arbeitseinstellung: “Damals machten die Leute ihr eigenes Ding. Bei uns ist es ähnlich: Wir entwerfen unsere Plattencover, gestalten unsere Videos selbst usw.” Abschließend lässt Romeo keinen Zweifel daran, dass es bei dem Auftritt keinesfalls um kurzfristige Promotion-Effekte kurz vor Album-VÖ ging, sondern um praktizierte musikgeschichtliche Aufarbeitung einer Zeit, die er aus Altergründen verpassen musste: “Ich freue mich wahnsinnig, dass ich Leute wie Vic Godard und Lawrence von Felt (jetzt Gokart Mozart), die dort auftreten, endlich einmal live sehen konnte.”
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