
The Blood Brothers
Freunde an die Waffen
03.12.2006, 10:00, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Jonathan Forsythe
Wieder haben die Blood Brothers aus Seattle eine Platte gemacht, und wieder ist sie wahnsinnig, nervtötend, großartig. Wieder sind sie musikalisch über sich hinausgewachsen, haben ihren Noise in ein weiter verzweigtes Netz aus Stilarten fließen lassen, und wieder haben sie lyrisch ein Feuerwerk an Sinneswahrnehmungen abgebrannt. Wieder haben sie die Grundlage gelegt für die potenziell wildesten Liveshows, die man in den nächsten Monaten sehen kann. Und wieder haben sie ihr fast schon mythisches Geheimnis von den wahren Hintergründen ihres Auftretens nicht gelüftet. Denn die Blood Brothers sind eine Band, die die bewährten Kategorien des geschulten Noise-Hörers in deren Grundfesten verunsichert: Sie sind fünf hübsche Posterboys, die in ihrer Musik jedoch nur unheimlichste Fratzen zeigen. Sie sind unheimlich jung, agieren aber mit dem Wissen um nicht nur die gesamte (Post-) Hardcore-Geschichte ab mindestens Minor Threat, sondern auch um alles von No Wave bis hin zu experimenteller Musik. Und sie verpacken ihre Fähigkeiten in eine Musik, die sicher ebenso gut in einen Kunstkontext wie in Punkrockläden passt.
Es gilt also eine Menge aufzuarbeiten mit Johnny Whitney, einem der beiden Sänger. Aber zunächst ist eine Gratulation fällig, denn Whitney hat wenige Monate zuvor geheiratet, und zwar die Frau, mit der er das Modelabel Crystal City Clothing führt. Wie kam er überhaupt zur Mode? “Ich habe vorher schon die T-Shirts für die Band designt, und das haben wir mit dem Label einfach etwas ausgebaut.” Es scheint überhaupt so, als sei er der künstlerisch Ambitionierteste der Band. Meinen Vorschlag, es doch mal mit Visuals oder Kostümen auf der Bühne zu versuchen, hält er zwar für spannend, vermutet aber, ihn bei seinen Bandkollegen nicht durchsetzen zu können, einfach wegen ihrer Charaktere. Verständlich, ist die Musik der Blood Brothers doch auch so schon inhaltsschwanger genug, schließlich hat sie eine kaum zu übersehende politische Dimension, die sich meist abstrakt, aber sehr düster darstellt. Whitney: “Wir sehen da unser Anliegen und eine Aufgabe, gerade auch, weil wir ja ein ziemlich junges Publikum haben. Angesichts der politischen Entwicklungen gerade in unserem Heimatland bleibt uns eigentlich nichts anderes übrig.”
Passend dazu wurde für das neue Album Guy Picciotto, Gitarrist der Bands Fugazi und Rites Of Spring und sozusagen einer vom Kern des politischen Gewissens der Hardcore-Bewegung, als Produzent ins Boot geholt. Und während die Arbeit mit Ross Robinson am 2003er-Album “Burn Piano Burn” wohl eher wegen des großen Namens zustande kam, steht Whitney diesmal ganz und gar hinter seiner Entscheidung: “Wir bewundern Guy sowohl wegen seiner Musik als auch wegen seiner bisherigen Arbeiten als Produzent, also nutzten wir die Chance, als sie sich uns bot.” Herausgekommen ist eine Platte, die sich im Vergleich zu ihren Vorgängern stilistisch breiter angelegt zeigt und auch allgemeiner verständliche theatralische Elemente, also aus Musikrevue und Ähnlichem, einbezieht. Eine Entwicklung, die stringent zum Tourwunschpartner Nick Cave führt: “Ich liebe seine Show, seine Selbstdarstellung auf der Bühne.”
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