... And You Will Know Us By The Trail Of Dead

Keine Angst vor Pop

20.11.2006, 06:00, Text: Peter Flore

Jason Reece, Sänger, Gitarrist und manchmal auch Drummer von Trail Of Dead, sitzt Backstage beim Melt! Festival und erzählt Lügen. Oder bestenfalls Nonsens. Er fragt mich, ob er seinen Vornamen für mich buchstabieren solle – ich lehne dankend ab –, und erzählt, dass er und seine Band gestern noch vor dem Teufel persönlich aufgetreten seien und dass morgen ein Gastspiel vor den zwölf Aposteln stattfinden werde. Kurzum: Der Informationsgehalt dieses kurzen Plausches ist durchaus dürftig. Später, rechtzeitig zum Sonnenuntergang, werden Trail Of Dead mit einem fulminanten Set den Abend und damit das Party-Wochenende zwischen Schaufelradbaggern und feiernden Menschen einläuten.

“Ja, ich erinnere mich”, sagt Reece zweieinhalb Monate später, Ende September, am Telefon. “Das war eine sehr skurrile Location, sehr verrückt, super industrial.” Und zudem eine nette Auszeit von den Aufnahmen ihres mittlerweile fünften Albums “So Divided” daheim in Austin, Texas. Mal eben in den Flieger nach Europa für ein paar Festivaldates zwischendurch, das macht den Kopf frei. Zumal die Vorzeichen für den “Worlds Apart”-Nachfolger alles andere als günstig standen: Wieder wurde das Album-Release immer weiter nach hinten geschoben, wieder wurde wie auch beim Vorgänger hinter vorgehaltener Hand über Querelen mit dem amerikanischen Label Interscope berichtet, das augenscheinlich alles andere als glücklich darüber war, dass “Worlds Apart” trotz einhelligen Kritikerlobs gerade mal 50.000 Einheiten in den USA abgesetzt hatte. Nicht einmal halb so viel wie zuvor der internationale Durchbruch “Source Tags And Codes”. Geschichte scheint sich also zu wiederholen, ganz besonders im Falle Trail Of Dead. Zufall?


“Es gab kleinere Probleme mit dem Mix, die üblichen Sachen”, erklärt Reece die Gründe für die neuerlichen Verzögerungen. “Kleine Unzufriedenheiten, aber nichts Dramatisches, damit kann ich leider nicht dienen. Nichts vom Schlage: ‘Oh, wir hassen das Album und halten es lieber unter Verschluss.’” Zumal kein Grund dafür bestünde: “So Divided” ist ein durch und durch überzeugendes Album geworden, das da weitermacht, wo der Vorgänger aufhört, gleichzeitig aber noch offensichtlicher mit Pop- und Folkelementen flirtet. Schon im Opener “Stand In Silence”, in dem zwischen orchestralen und fast sublimen Passagen immer wieder wüste Gitarren die Andacht stören, fällt die fast fatalistische, mit dem Schicksal hadernde Grundhaltung auf: “I had a band, had a song / I had a vision, where’s my vision gone? / I turned inside to find the walls of doubt / My mind was stripped of sound, I had to stand in silence.”

Schon im Vorfeld hatte Songwriter Conrad Keely, neben Reece zweites Gründungsmitglied, die neue Aufrichtigkeit und das Ende aller Lügen ausgerufen: “So Divided” solle enthüllen und weniger unterhalten. Ein Album, gefüllt mit ehrlichen Selbstzweifeln und Fragen nach dem Warum? “Definitiv. Es ist ein sehr persönliches Statement geworden, es geht oft darum, was ein gewisser Jemand so durchmachen muss. Ich bin mir sicher, dass jeder – du eingeschlossen – schon einmal an einem Punkt im Leben war, an dem alles scheinbar stagnierte. Es geht auf ‘So Divided’ um diesen Stillstand, darum, sich nicht bewegen zu können, und um die Frustration, die dieses Gefühl mit sich bringt.” Wobei sich Inhalt und Form fast widersprechen, ein Gros des Materials ist geradezu uplifting ausgefallen: so düster beispielsweise der Text von “Wasted State Of Mind”, so rasant und himmelstürmend seine Umsetzung. Eine ganze Armada von polynesischen Trommeln eröffnet einen Emo-Kracher, der mit erstaunlich wenig Gitarren trotzdem satt rockt. Um Bitterkeit zu finden, muss man tiefer graben. “Ich weiß, das ist in der Tat schon etwas lustig, denn viele Songs haben einen durchaus positiven Vibe und gehen gut nach vorne los. ‘Stand In Silence’ z. B. rockt ja schon ziemlich, oder? Und gleichzeitig ist da die Aussage ‘Everything sucks’”, lacht Reece, um halbherzig zu relativieren: “Hilflosigkeit ist eigentlich nur ein winzig kleiner Aspekt auf dem Album.” Er stockt und lacht plötzlich los: “Eigentlich ist das ganze Album doch ziemlich finster. Ist schon harter Stoff.”

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