Virginia Jetzt!

Mädchenband

10.12.2006, 10:00, Text: Peter Wittkamp, Foto: Nils Rodekamp

Berlin, Friedrichshain: Cafe Intimes. In Etablissements ähnlichen Namens – Amore, Romantica oder der Kontaktbar, die am offensichtlichsten die Intention des Klientels auf grelles Neonlicht tätowiert hat: Intermezzo – pickt doch der stereotype Serienmörder deutscher Krimis stets die nicht gerade in Würde, aber mit Wollust gealterten Damen auf, die es später zu meucheln gilt. Anlass, diesen dann doch nicht so verkommenen Ort aufzusuchen, sind vier Jungs, die vor allem weitaus jüngeren und hübscheren Frauen, also Mädchen, ans Herz gehen: Virginia Jetzt!

Der zarte Stempel “Mädchenband”, direkt in der Einleitung aufgedrückt. Da sind sie aber auch ein wenig selbst schuld dran, denn mit “Wir sind Mädchen-Fans” schließen Virginia Jetzt! gegen Ende des Interviews eine Diskussion über den Untergang des Fantums ab. Vorher gab es Apfelschorle, Cola und Bratkartoffeln auf dem dunklen Holztisch. Alles angenehm unprätentiös im Intimes, vor allem die Band: hohe Stirn bei zwei von ihnen, gemeine Indiematte bei der anderen Hälfte. Das ganz normale Leben – auch im Haupthaar. Ich sitze mitten in der Hypotenuse des rhetorischen Bermuda-Dreiecks (meint: Vielredner) Thomas Dörschel / Nino Skrotzki / Mathias Hielscher (Texte, Gitarre & Keyboard / Gesang / Bass). Allein Angelo Gräbs, der Drummer, schweigt. Lange. Eigentlich ausschließlich. Mit dem beredten Dreiviertel der Clique unterhalte ich mich über “Sternburg Pils”, Rammstein und Stefan Raab – was niedergeschrieben klingt, als wären wir alle fünfzehn oder für längere Zeit beim Bund verpflichtet.


Zumindest die Unterhaltung über den notorischen Tausendsassa auf Pro7 hatte aber einen tieferen Hintergrund: Raab rief Anfang 2005 zum ersten “Bundesvision Song Contest” auf. VJ! gingen für ihr Heimatbundesland Brandenburg ins Rennen. Im Beatles-Dress und mit dem “Indie-Schlager-Pop-Rock” (O-Ton: Raab) bzw. “Schlager” (O-Ton: ich) “Wahre Liebe” sowie – endlich mal wieder im TV zu sehen – einem Mädchen, das Udo-Jürgens-verdächtig einen Strauß Rosen und ein Küsschen zur Bühne trägt, machten sich die vier einen vermutlich gar nicht mal so ironischen Spaß aus der Show. “Wir hatten wunderschöne Tage, mit einem sympathischen, sehr musikinteressierten Gastgeber. Ich glaube, Stefan Raab hat genau so viel Herzblut in diese Veranstaltung gesteckt wie Daniel Kempf ins Immergut-Festival. Eigentlich wollen ja immer alle hören, dass der Raab ein Arschloch ist ...” Sei er aber eben nicht, klärt Mathias weiter auf. Drei Millionen Menschen haben den Ausflug in die Samstagabend-Unterhaltung, die auf dem achten Platz endete, damals verfolgt.

Nur unwesentlich aufgerundet sind das ungefähr drei Millionen Zuschauer mehr, als auf der Tour durch die Jugendzentren Deutschlands im September anwesend waren. Fünfzehn Nachwuchs-Kleinstädte in siebzehn Tagen: Clausthal-Zellerfeld. Donauwörth. Schmalkalden. Worpswede. Namen wie Kernkraftwerke. Wo sonst nur Wahlkämpfer (Ochsen-) touren, bespielten Virginia Jetzt! vor meist 80 bis 200 Anhängern und solchen, die es werden wollen, die Scheune oder den Kellerclub im Juz. “Ich finde es wichtig, dass man versucht, mal wieder bei null anzufangen, den Kern herauszufinden. Nicht immer in den gleichen Läden zu spielen. Ich weiß nicht, wie das andere Bands machen, die alle zwei Jahre dieselbe Tour fahren. Ist doch langweilig”, erklärt Mathias die Idee dahinter. “Da waren dann auch Leute mit einem System-Of-A-Down-T-Shirt, weil es nur fünf Euro Eintritt gekostet hat. Oder weil sonst niemand bei ihnen im Ort spielt.” Sänger Nino ergänzt: “Das war ja auch das Spannende. Bei der Tour zur letzten Platte wusste man jeden Abend, was einen erwartet. Bei der Juze-Tour mussten wir jedes Mal ein ganz anderes Konzert spielen. Hat auch nicht immer funktioniert. Aber wenn, dann war das viel befriedigender als nach dem zehnten gleichen Konzert, das mit einem Fingerschnippen funktioniert hat.”

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