Olli Schulz Und Der Hund Marie

Tristesse und Abgrund

20.11.2006, 06:00, Text: Thomas Venker, linus volkmann, Foto: Arne Sattler

“Warten auf den Bumerang” heißt das neue Album von Olli Schulz. Tja, da wird sich Kollege Scharlau ganz schön ärgern, wollte er sich doch für die kommende Februar-Ausgabe aus Anlass unseres Australien-Specials das Wort “Bumerang” hier im Heft schützen lassen: “Alle Wortspiele mit Bumerang sind mir!” hieß das im O-Ton. Aber in der Natur dieses Didgeridoo’esken Sportgeräts liegt es auch, dass man es gegen den Kopf kriegt, wenn man gar nicht damit rechnet. Mitunter eben schon mal früher als erwartet. Das Wortspielkönigreich ist jedoch längst nicht mehr Olli Schulz’ bevorzugte Heimat. Der genialische Drüber-Entertainer lebt mittlerweile schön als ordentlich abgründiger Storyteller in Berlin und nicht mehr schotig als Indie-Fips-Asmussen in Hamburg. An seiner Seite immer noch dieser seltsame Hund Marie, der sich ja sogar nebenher eine eigene Karriere leisten kann.


Beide gemeinsam haben nun auf Album Nummer drei den sich bereits auf “Das beige Album” abzeichnenden Weg konsequent weiterverfolgt: Weg vom Gag. Hin zur Story, runter in die Tiefe des ernüchternden Alltags, der tapfere kleine Leute zeigt. Wie sie kämpfen. Okay, okay. Es kann zwar manchmal geheult werden, muss aber nicht. Denn immer noch blitzt auch etwas anderes aus diesen Liedern – und nicht zu knapp. Und zwar dieses markige, halb übergeschnappte, aber immer rührende Lächeln eines Charmeurs der alten Schule. Das Lächeln bekommen wir auch gleich ab, als wir Olli Schulz antreffen. An einem verhuschten Oktobersonntag, der sich, passend zum zwischen den Gefühlszuständen schwankenden neuen Album, nicht so recht zwischen schönem Spätsommertag und der ausgelebten Misere von abrupten Regenschauern entscheiden kann. Am Abend wird er das neue Material auf ein altes Material erwartendes Publikum loslassen – im Gespräch scheint es, als würde er die besten Pointen schon mal ausprobieren. Oder ist der Typ wirklich so witzig? Wie dem auch sei. Die Show kann losgehen:

Also Jungs. Ich hab so ‘ne Idee für meine neue Platte. Ich find das so affig, alle immer so: “Countdown! Jeden Tag ein neuer Song zum Downloaden.” Ich dachte, ich mach mal was Witziges. Ich such mir immer irgendjemanden aus und fahr mit dem um den Block, und der hört einen Song von der neuen Platte, und er muss sagen, wie er den findet. Und das stellen wir dann auf die Platte rauf. Das wird auch im Auto mit ‘ner Kamera aufgenommen. Das hab ich jetzt schon mit Walter Schreifels [Rival Schools, Ex-Gorilla-Biscuits] gemacht und mit ein paar anderen Leuten, die man kennt. Aber auch ein paar Unbekannten. Z. B. für den Banküberfallsong hab ich ‘nen Bankangestellten aus der Dresdner Bank genommen und bin mit dem rumgefahren. Und das wollte ich mit Doro Pesch auch machen, leider hatte sie keinen Bock auf mit mir alleine im Auto. Ich war ihr an diesem Abend zu suspekt. Wenn ich aber nur Leute kennen würde, die man so aus dem Fernsehen kennt, dann sähe das ja aus, als würde ich sagen wollen: “Hey, guckt mal, wen ich alles kenne!” – das wäre ja auch peinlich.

Das Banküberfallstück ist ja echt ein Lieblingsstück auf der Platte. Fängt schon mit diesem überraschend fetten Beat an ...

Meins auch. Wir wollten den fettesten Beat, sodass die Neptunes dagegen wie Scheiße aussehen. Wir haben von Pharrell die Soloplatte gegengehört. Der Bass ist da bei weitem nicht so fett. Muss man ja mal ganz unbescheiden sagen können.

Schön dann die Zeile: “Das letzte Bild ist eingefroren.” Das gibt dem Banküberfall so etwas Retro-Abenteuerliches. Hier geht einer, früh, aber er geht mit einem schönen letzten Bild, eingefroren für immer. Heißt das für dich vielleicht auch: “Mensch, handelt doch mal wieder mehr”?


Ja, so ein bisschen. Das ist auch beim ersten Song so. Ich bin eigentlich kein Typ, der sagt: “Los, steht auf!” Das erste Lied auf der Platte geht so in diese Richtung: “Wenn du stehen willst, steh auf. Wenn du schreien willst, dann schrei laut.” Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich das Volk wachrütteln will oder so. Die Idee ist gekommen, als ich mit meinem Auto nach Hause gefahren bin. Ich wohn ein bisschen außerhalb von Berlin, es hat super geregnet. Und neben mir war so ein kleiner Typ auf dem Mofa, und hinten war so ein Kasten drauf. Und der fuhr so durch den Regen und hat sich kaum noch bewegt. Und an jeder Ampel kam er gleich wieder an und hat nur geradeaus geguckt. Da dachte ich mir: Der kämpft wenigstens noch. Es war halb eins nachts, und er fuhr da mit seinem Mofa durch den strömenden Regen, und der Typ hat mich an jeder Ampel immer wieder eingeholt. Zu Hause hab ich dann diesen Text geschrieben: “Nur ein Mensch / Doch wie sehr er kämpft / Gegen den Lärm / Der ihn betäubt.” Und damit ist eigentlich dieser Regen gemeint. Ich fand ihn einfach tapfer, und darum geht es: um kleine Menschen, die ihr Werk vollbringen, ohne dass man sie beachtet.


Du sagtest bei unserem letzten Gespräch schon, dass es dir nicht so um die große Geschichtsvermittlung gehe, sondern darum, diese kleinen Storys zu finden. Was hat sich denn im letzten Jahr bei dir ereignet?

Ich bin umgezogen. Das hatte aber auf die Themen der Platte eigentlich gar keinen Einfluss. Es hat sich eigentlich gar nicht viel getan. Ich war nach der zweiten Platte sehr schnell gelangweilt von der Art, wie die Platte klingt – auch wenn ich das Album sehr gerne mag. Ich bin vor meiner Zeit als Musiker nie länger als ein, zwei Jahre in einem Job geblieben, und genauso ist das mit der Platte auch: Ich wäre superschnell gelangweilt, wenn ich jetzt noch einmal so ‘ne Akustikplatte aufgenommen hätte. Es war mir nach der Veröffentlichung der zweiten Platte sofort klar, dass ich etwas anderes machen will. Man ist ja auch ein multipler Typ, es stecken verschiedene Seiten in einem drin. Ich bin nicht nur witzig ... Momentan singen ja alle Deutschrocker “Ich hab Bock auf Leben”, und da wollte ich auch mal wieder so ein paar düsterere Lieder machen. Wo einfach kein Happy ist. Alle gerade so: “Ich kriege nicht genug von diesem geilen Leben!” Hab ich vorhin noch im Taxi gehört.

Christina Stürmer aus Österreich.

Ja, und Juli haben auch so ein neues Lied. Die sind alle so: “Das Leben ist so geil!” Aber manchmal ist es eben nicht geil. Das wollte ich auch mal betonen.

Auf der letzten Platte gab es ja noch diese Gagmomente. Schon damals hatte ich aber das Gefühl, dass du davon eigentlich noch mehr wegwolltest, als es ohnehin schon der Fall war. Die aktuelle Platte bringt das zum Ausdruck, sie ist sehr viel homogener.


Das liegt auch an Moses Schneider. Der Sound, den er da gebastelt hat, ist viel viel besser. Wir haben als Band zu viert live im Studio aufgenommen. Durch die drei anderen fühlte ich mich zum ersten Mal wie ein Musiker. Das ist der eine Grund, warum das alles musikalisch anders klingt. Und zum anderen hab ich diesmal keinen Wert darauf gelegt, da noch unbedingt einen geilen Reim reinzuhauen. Viele Leute fanden das ja immer so geil, dass ich so witzige Wortspiele draufhatte. Da hab ich ganz drauf verzichtet, weil mich das einfach gelangweilt hat.

Das hatte ich mir schon auf der zweiten Platte ein wenig kaputt gemacht, die ja auch einen ernsteren Hintergrund hat. Durch “Human Of The Week” und zwei, drei weitere Gagnummern. Das hat eigentlich gar nicht richtig reingepasst, das ärgert mich auch ein bisschen. Da hätte ich resoluter sein sollen. Bernd Begemann hat mal zu mir gesagt: “Hey Olli, du wärst schon viel weiter, wenn du so ein Porno-Mike-Krüger wärst.” Das ist superlink gewesen. Ich kann halt auch sehr debiles Zeug singen, aber das ist nicht der Sinn der Sache. Mit Gags kriegst du die Leute. Aber manchmal fühle ich mich nicht gut, wenn ich mich selbst dabei ertappe, Leute geplant zum Lachen gebracht zu haben.

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