Jahresrückblick

Outsider Music 2006. Wer ist drinnen? Wer draußen?

25.12.2006, 10:00, Text: Martin Büsser

“Musics In The Margin” lautet der Titel eines CD-Samplers, der 2006 auf dem belgischen Sub-Rosa-Label erschien. Es handelt sich um Musik von psychisch kranken oder geistig behinderten Menschen. Weil in Worten wie “krank” und “behindert” etwas Diskriminierendes mitschwingt, wird diese Musik im englischen Sprachraum als “Outsider Music” bezeichnet. Doch auch dieser Begriff ist nicht ganz glücklich gewählt, denn er setzt die Normalität der Mitte, den “Insider”, voraus. Wer aber ist “Insider”? Würde man Normalität von den Macht- und Besitzverhältnissen her definieren, wären die weißen, heterosexuellen, männlichen Bewohner der Industrienationen die Norm – und damit ein Großteil der Menschheit “outsiders”. Vielleicht sollte man sich einfach darauf einigen, dass es sich bei den auf “Musics In The Margin” versammelten Beiträgen um Werke von Menschen handelt, die gewisse Kontrollmechanismen und Normen nicht kennen oder nicht akzeptieren wollen bzw. können und dadurch eine erfrischend “andere” Musik machen. Die bekanntesten Künstler des Samplers, Wesley Willis und Daniel Johnston, machen zugleich deutlich, dass “Outsider” durchaus Pop-Appeal haben können und dass schräge Elemente – die sich überschlagende Stimme bei Daniel Johnston – die Qualität nicht schmälern, sondern für eine ganz besondere Intensität sorgen.


Zeitgleich zu diesem Sampler sind zwei Dokumentarfilme auf DVD veröffentlicht worden, die dem Leben solcher “Outsider” nachspüren: “Derailroaded” (Plexi Film) über den schizophrenen Musiker “Wild Man” Fischer und “The Devil And Daniel Johnston” (Tartan) über den manisch-depressiven Sänger mit der unverkennbaren Fistelstimme. Wenn “Wild Man” Fischer am Ende des Films schonungslos beim Weinen darüber gefilmt wird, dass er die Wohnung seiner Tante verlassen und ins Heim ziehen muss, oder wenn Daniel Johnston sich über seine nie verwundene Jugendliebe ausheult, wird es allerdings unangenehm voyeuristisch. Die Filmemacher erfüllen brutal die Sehnsucht nach Authentizität und nähren das alte Klischee von Genie und Wahnsinn. Dass “Outsider” die zum Teil herzergreifendste Musik machen, die “Pop” derzeit zu bieten hat, ist eine Sache; sie vorzuführen eine andere, eine unnötige.



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