Joanna Newsom

Bedeutung abringen

23.10.2006, 06:00, Text: Felix Klopotek
[2 Kommentare]

Noch keine vier Jahre währt die Solokarriere Joanna Newsoms, aber bereits auf ihrem zweiten, Anfang November erscheinenden Album “Ys” arbeitet die Sängerin und Harfenistin aus Nordkalifornien an einer Geschlossenheit und Komplexität, zu der andere Songwriter erst am Ende ihrer Karriere vorstoßen. Sie hat sich mit Van Dyke Parks und Jim O’Rourke, den Großmeistern des Edelpop, zusammengetan und geht in ihren episch ausladenden Songs zielsicher den Weg zu immer erhabeneren Formen. Intro unterhielt sich mit ihr über die Kunst, die aus Arbeit Spiel macht.

Seit Ende der 40er-Jahre litt Woody Guthrie, der amerikanische Bertolt Brecht und vielleicht der bedeutendste Songwriter des 20. Jahrhunderts, an Huntington Disease, auf Deutsch: Veitstanz. Die Krankheit führt zum Tode, sie setzt ein mit allmählichem Kontrollverlust über die Muskulatur. Guthrie, der 1967 der Krankheit erlag, konnte bis 1954 als Musiker arbeiten. Um trotz der Beeinträchtigungen singen zu können, entwickelte er eine spezielle Technik: Er presste die Songzeilen aus sich heraus, er beanspruchte andere, noch unter seiner Kontrolle stehende Muskelpartien, um artikulieren zu können.


Bob Dylan hatte in den 60er-Jahren Kontakt zu seinem großen Vorbild. Er kopierte Guthries späten Gesangsstil: Der näselnde, gepresste und gequetschte, die Wörter verschleifende Stil, den man unweigerlich mit Dylan identifiziert, ist tatsächlich eine Adaption. Dylans Statement: Wir brauchen keine schönen Stimmen, keinen perfekten Gesang, jeder kann singen, solange er sich Rechenschaft über die Anstrengung (den Schmerz) ablegt.

Es gibt Leute, die, wenn sie Dylan reden hören, überrascht sind über die Normalität seiner Alltagsstimme; und wenn man Joanna Newsom beim Interview einfach nur zuhört, fragt man sich: SIE hat diese Stimme? SIE singt diese Songs? Mein Gott, sie spricht ja wie jede andere.

Denkt man nicht in Schubladen, antwortet man also, fällt der Name Joanna Newsom, nicht automatisch mit “New Folk”, “Psychedelic Folk”, “New Weird America” (so wird sie auf Wikipedia kategorisiert), dann ist es zuerst die Stimme, die fasziniert und befremdet, auch abstößt. Sie ist direkter als die Stimmen von CocoRosie, am ehesten erinnert sie an Björk. Sie ist gestochen scharf, und wenn Newsom undeutlich artikuliert, dann WILL sie in diesem Moment undeutlich artikulieren. Sie kaut auf den Silben wie auf Kautabak. Aber es ist keine hasserfüllte Punkgeste, sondern – siehe Dylan – es macht die Anstrengung klar. Die Anstrengung, jeder Silbe, jedem Wort, jedem Vers Bedeutung abzuringen. Es geht nicht um eine Rolle, die Newsom einnimmt, wenn sie singt, es ist ein Ausdruck ihrer Souveränität, das musikalische Material so zurechtzubiegen, dass es ihren Ansprüchen genügt.

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aus Intro #144 (November 2006)
 
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  • Druhle 06.11.2006 | 23:18:27

    So sehr ich auch Van Dyke Parks schätze. Er hast aber sicherlich nicht die "Smile"-Sessions der Beach Boys produziert. Das durfte nur Brian Wilson. Aber Van Dyke Parks hat tolle Texte dazu geschrieben. Mit klugscheisserischen Grüssen...

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