Kochen mit Steve Albini

Last Man standing

23.10.2006, 06:00, Text: Thomas Venker, Felix Scharlau, Foto: Felix Scharlau, Thomas Venker

Erinnert sich noch jemand an diese Szene aus der Stuckrad-Barre-Verfilmung “Soloalbum”, in der in einer absolut unrealistisch großen Redaktion einer Musikzeitschrift mit absolut unrealistisch vielen Mitarbeitern der Chefredakteur verkündet, dass das Magazin ein Oasis-Interview gewährt bekommt und einer die Band treffen wird? Hoffentlich nicht, die Qualität des Films wär die Müh des Erinnerns nicht wert. Aber des Bildes wegen sei es doch mal beschrieben: Die Redaktionsmeute tobte. Warum das hier steht? Nun, ungefähr so, bloß noch hundertmal euphorischer freuten sich die Autoren dieses Textes, als nach fast einem Jahr die Zusage kam, dass Steve Albini uns tatsächlich zum Kochen in seinem Chicagoer Electrical Audio Studio empfangen wird.

Audienzen bei Albini sind eine Seltenheit. Der Musiker (Big Black, Rapeman, Shellac) und Ausnahmeproduzent (die Liste ist lang und beinhaltet u. a. die Breeders, Pixies und Nirvana, um nur die Bekanntesten zu nennen) gilt als medienscheu, vor allem, wenn es sich um richtige Magazine (mit Anzeigen und so) handelt. Wenn schon, dann redet er lieber mit dem kleinen Fanzine in 100er-Auflage. Alles verständlich und überaus sympathisch, gerade wenn man weiß, dass er sich selbst als Hobbymusiker sieht, der mit dem Drumherum nicht noch mehr Zeit verlieren will, die er der Musik widmen könnte. Albini gilt als Hardcore-Indie-Veteran der alten Schule, lässt kein gutes Wort an Majorplattenfirmen (siehe Weblink zu seinem legendären Essay über die Ausbeutung von Bands durch Majors) und findet im Umkehrschluss nur gute für seine kleine Indiewelt – ohne dabei aber Gefahr zu laufen, das Außen zu ignorieren, sich dazu zu positionieren.


Genau jene Indiewelt hat uns auch nach Chicago gelockt. Das dort ansässige Touch-And-Go-Label, mit dem Albini als Musiker und Produzent eng verbändelt ist, feierte im September sein 25-jähriges Jubiläum (siehe auch die Nachlese auf Seite 142 in dieser Ausgabe). Das nicht nur einfach so, sondern mit einem dreitägigen Festival, das es in sich hatte und neben aktuellen Highlights aus dem Labelkatalog auch aus gegebenem Anlass mit einigen hochkarätigen Reunion-Auftritten aufwarten konnte. So kamen Girls Against Boys, Negative Approach, Pegboy, Killdozer, Scratch Acid, Seam und auch Albinis Formation Big Black für One-off-Gigs wieder zusammen. Und jeden Tag ca. 6.000 Besucher aus aller Welt, im Bewusstsein, dass hier – ja, sagen wir es so pathetisch – Geschichte geschrieben wird. Oder besser fortgeschrieben.

Angefangen hat diese 1980, als Corey Rusk und Tesco Vee beschlossen, aus dem von Vee und Dave Stimson betriebenen Fanzine Touch And Go (siehe Monitor in dieser Ausgabe) auch ein Label zu machen. Rusk war damals selbst noch als Sänger bei der Harcore-Punk-Band Necros aktiv. Recht bald sollte er, dem Engagement für das Label geschuldet, dem aktiven Musikerleben goodbye sagen – einen Weg, den Vee so nicht gehen wollte, weshalb er lieber aus dem Label ausstieg, ihm aber mit seiner Band The Meatmen erhalten blieb. In den frühen 80ern erschienen auf Touch And Go im Folgenden stilprägende Alben von Bands wie Die Kreuzen, Negative Approach, Scratch Acid, Butthole Surfers und Big Black. Ähnlich wie beim befreundeten Washingtoner Dischord-Label legte man von Anfang an sehr großen Wert auf die soziale Komponente, verstand sich als einen Bund von Freunden, die an einem alternativen Gesellschaftsentwurf arbeiten. Eine soziale Vision, auf die sich Steve Albini, von frühen Schultagen an immer ein Outsider, gerne einließ. Über die Jahre sollte er neben Rusk zur zentralen Person und zum Hausproduzenten der meisten Touch-And-Go-Bands werden. Das Label öffnete sich über die Jahre, stellte den frühen Hardcore- und Punkbands bald Indie- und Folkacts zur Seite; später gründete man mit Quarterstick ein Sublabel für experimentellere Bandprojekte wie die Rachels oder June Of 44. Einziger schwarzer Fleck in der ansonsten blütenweißen Indiedreamstory war die sogenannte Butthole-Surfers-Affäre. Bis zum Rechtsstreit 1995 mit der Band, die ihren Aufstieg durchaus dem Label zu verdanken hatte, arbeitete man bei Touch And Go ohne Verträge. Das ökonomische Leitprinzip war simpel und fair: Nach Abzug der Produktions- und Promotionkosten wurde der Gewinn 50/50 geteilt. Als sich die Butthole Surfers wegen gefühlter Benachteiligung aus diesem Modell herausklagen konnten und ihre Rechte (trotz der US-amerikanischen Copyright-Gesetzgebung, die auch ohne Verträge für 35 Jahre die Rechte beim Label sieht) zurückbekamen, musste man reagieren. Damit aber auch genug der Geschichtsstunde. Willkommen zurück in der Gegenwart.

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