
Morrissey
Die Schönheit der Melancholie
27.03.2006, 17:02, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Den großen Vorlauf spar ich mir. Morrissey muss nicht mehr eingeführt werden. Die Facts von der Smiths-Gründung 1982 bis heute kann jeder im Schlaf runtersingen. Die Alben von "Hatful Of Hollow" bis "The World Won't Listen" sowieso. Während die Klassiker anderer alter Helden gerne mal im Plattenregal verstauben, werden diese noch immer aufgelegt. Außerdem haben wir ja das letzte Mal, anlässlich des so called Comebackalbums "You Are The Quarry", den legendären "Morrissey and I"-Beitrag gedruckt, in dem diverse Introautoren ihre ganz persönliche Liebesbeziehung zu Manchesters Most-Nachdenklich erzählten.
Irgendwie seltsam. Da sparte man sich in seiner Teenagerzeit jeden Pfennig vom Pausenbrot ab, nur um mal nach London zu fahren, in die mystisch-verklärte Stadt, in der so viele Fäden der für einen wichtigen Musik zusammenliefen, beispielsweise Rough Trade, The Clash, Camden und irgendwie auch The Smiths (auch wenn ich natürlich wusste, dass sie eigentlich aus Manchester kamen). Es war ein extrem emphatischer Trip mit viel Herzklopfen und leuchtenden Augen - eben der Erstkontakt mit diesem bis dato nur aus der Musik erfahrenen Milieu -, und es sollten viele nicht weniger mit Bedeutung aufgeladene folgen. Als ich zwanzig Jahre später endlich den Mann treffe, der den Soundtrack zu so vielen dieser Momente geschrieben hat, da stehen die Rahmenbedingungen - eine dieser seltsam-nüchternen Fly-in/Fly-out-Geschichten, die sich die Popkultur nur ausgedacht hat, um sich auch mal wie auf dem Amt zu fühlen (wohl, da sich alle in ihr Beschäftigten ebenfalls nach 13. Monatsgehalt, Beamtenstatus und vor allem Beamtenrente sehnen) - im groben Kontrast der Gefühle.
Aber, hey, wer will jammern, wenn er Stephan Patrick Morrissey treffen darf. Gespräche mit dem "Ringleader Of The Tormentors", so der Titel des neuen Albums, sind bekanntlich sehr selten. Angenehmer Nebeneffekt: Da es so wenige sind, wartet Morrissey extrem entspannt in seiner Suite. Es ist das dritte und letzte Interview des Tages - und glücklicherweise haben ihn weder der französische noch der belgische Kollege verärgert, sodass er bestgelaunt die Uhr ausschaltet und wir länger als im tighten Schedule angesetzt reden werden. Wie dankbar. Trage ich doch Fragen aus zwei Jahrzehnten mit mir herum - und damit auch diverse Fragen zu lange vergangenen Tagen, die ich natürlich so nicht stellen werde, sondern immer auf das aktuelle Werk heruntergebrochen. Schließlich will man den Künstler ja nicht mit dem schlimmsten aller Anliegen plagen: dem Smiths-Fragenkatalog. Denn erstens weiß jeder, dass er weder über den Finanzstreit mit dem alten Smiths-Drummer Mike Joyce reden will noch über den persönlichen Krach mit John Maher (a.k.a. Johnny Marr). Und zweitens bietet sich für die verneigende Auseinandersetzung mit dem Backkatalog ja auch eher die subjektiv geleitete Werkanalyse an, wie sie beispielsweise zuletzt Tobias Thomas so schön in der Spex-Sonderausgabe zum 25-jährigen Jubiläum der Kölner Kulturinstitution verfolgt hat. Das wird dem geheimnisvollen Charakter der Musik gerechter und ermöglicht einem, sich im Gespräch auf den spannenden Jetzt-Zustand des Künstlers zu konzentrieren. In diesem Sinne, legen wir los.
Herr Morrissey, es ist mir ein
Vergnügen. Ich habe mehrere Themenkomplexe vorbereitet. Beginnen wir
mit dem für Sie wohl am wenigsten spannenden, aber aktuellsten.
Produziert wurde ja in Rom, der Stadt, in der Sie neuerdings leben. Was
hat Sie dorthin gezogen? War es die Historie der Stadt in Kombination
mit ihrer religiösen Aufgeladenheit und dem angenehmen Lifestyle?
Auf jeden Fall die mittelalterlichen Stadtteile, aber auch der Wein,
die Architektur und die stilvolle Art und die Schönheit der Leute -
egal, ob man nun Frauen oder Männer bevorzugt, jeder erscheint in Rom
schön, sogar Obdachlose wirken in dieser Stadt schön und tragen fast
schon als stylish zu bezeichnende Kleidung. Ich muss gestehen, dass
mich das fasziniert.
Eine
groteske Feststellung über Obdachlose, denn dann hätte das System ja
wirklich gewonnen, wenn selbst das gesellschaftlich Unschöne noch schön
verpackt und somit kaschiert werden könnte.
Das stimmt. Ich sehe Rom natürlich im Kontrast zu Los Angeles, wo ich
zuvor für einige Jahre gelebt habe. Eine Stadt, in der Stil nicht
gerade auf der Agenda steht. Insofern ist Rom wie eine wundervolle
Flutwelle über mich gekommen, die mich verschlungen hat - und ich
glaube, ehrlich gesagt, dass das vielen anderen mit Rom genauso
widerfährt.
Das klingt so, als ob frühere Besuche Sie auf die Idee gebracht haben.
Ich war früher schon in der Stadt, aber die Stadt hatte eigentlich nie
eine besondere Wirkung auf mich. Aber ich hatte damals grundsätzlich
kein Interesse an irgendwas, egal, wo ich war, ob in Paris oder Köln -
für mich gab es damals nur England. Ich habe England lange für etwas
Besonderes gehalten und die Engländer für über allen anderen stehend -
die Kulturen der anderen werden von uns Engländern gerne ausgelacht.
Aber glücklicherweise habe ich dieses Stadium hinter mir gelassen und
fühle heute anders.
Und
was hat Sie dazu gebracht, Los Angeles zu verlassen, wo Sie ja doch
einige Jahre gelebt haben? Man konnte lesen, dass Sie die
Polizeipräsenz unangenehm fanden. Meinen Sie das nun persönlich oder
eher als diffuses generelles Gefühl? - Für dieses Gefühl des
Unwohlseins finden sich ja Zitate auf dem Album. In "I Will See You In
Far-Off Places" sprechen Sie die übertriebenen Sicherheitsmaßnahmen an
den Flughäfen an - und brechen diesen Aspekt des Leben-Sicherns mit dem
Hinweis, dass für andere die Sehnsucht darin liegt, Leben zu beenden.
Ich hatte in der Tat einige Erlebnisse mit der Polizei, und die
Polizisten waren dabei immer sehr unangenehm - und das müssten sie doch
wirklich nicht sein. Aber da sie über dem Gesetz stehen, sind sie auch
hinter ihm - und damit irgendwie gesetzlos. Sie können machen, was
immer sie wollen.
Es
war also die Kombination aus dem Mikrophänomen Polizeipräsenz und dem
Makrophänomen Bush, das ja auch auf dem letzten Album (z. B. im Song
"Irish Blood English Heart") und in den Gesprächen zu selbigem schon
Gegenstand war, die Sie zum Umzug veranlasste?
Ja. Mit Regierungen ist es doch so, dass die Dummheit von oben nach
unten durchgereicht wird. Wenn jemand regiert, der nicht nur ein
Dummkopf ist, sondern auch ein Gewaltverbrecher, dann zieht sich das
durch alle so genannten Autoritäten des Systems: Alle agieren dumm und
aggressiv - und genau so würde ich unglücklicherweise den aktuellen
Status quo der amerikanischen Gesellschaft beschreiben. Bush ist für
nichts anderes als Aggression bekannt.
Bemerkenswert
und traurig, dass man ihn tatsächlich auf diesen Fakt reduzieren kann.
Passend dazu sagen Sie auf dem aktuellen Album wie eben angesprochen,
dass einige Leute beschlossen haben, Leben zu erhalten, und andere, es
zu beenden.
Es ist ja leider so, dass mit Bush und Blair eine Zeit gekommen ist, in
der von den Verantwortlichen solche Entscheidungen getroffen werden.
Die beiden haben diese Entscheidungen getroffen, obwohl sie wussten,
dass unschuldige Irakis getötet würden - der Tod dieser Leute geht auf
ihre Entscheidungen zurück, nicht auf die von Sadam Hussein.
Hat
Rom viel mit der positiven Stimmung des Albums zu tun? Oder sind Sie
wirklich eine Insel, wie Sie mal gesagt haben, die von nichts Äußerem
beeinflussbar ist?
Ich glaube schon, dass Rom einen großen Einfluss auf mich hat. Diese Landschaft ist sehr effektiv.
Sehen
Sie sich eigentlich als "Ringleader Of The Tormentors", also als
Unruhestifter? Auf dem letzten Album "You Are The Quarry" waren Sie ja
passenderweise der Querulant.
Ich bin auf jeden Fall in dieser Position. Die Leute reagieren auf mich
auf zweifache Art: Entweder sind sie sehr interessiert an mir und
widmen sich mir sehr intensiv, oder aber ich bin für sie jämmerlich -
es gibt keinen Mittelweg. Ich habe gelernt, damit zu leben, dass ich
der Unruhestifter bin, da ich Dinge ausspreche.
Vielleicht wollen Sie es aber auch bewusst sein. Eine solche Rolle ist ja nicht die unangebrachteste in unserer heutigen Welt.
Ich mache das ganz sicher nicht, um mir selbst zu applaudieren. Es ist
in der Kunst doch immer so: Wenn du die Dinge voranbringst, dann fühlen
sich viele gestört. Man macht sich nicht gerade beliebt, wenn man Dinge
anspricht, die die Massen nicht hören wollen, die sie als unangenehm
empfinden. Aber wissen Sie, die Meinung der Massen ist immer falsch,
genauso wie alle Künstler, die 60 Millionen Alben verkaufen,
grauenvolle Künstler sind und nicht die kreativen. Aber das ist nichts
Neues. Es waren immer die schlimmsten Aspekte der modernen Musik, die
die Masse am meisten reizten. Das liegt daran, dass die Masse
lächerlich ist.
Und sind Sie der Ansicht, dass es mehr Leute geben sollte, die Autoritäten in Frage stellen und mit Fragen konfrontieren?
Ich glaube schon, dass es viele Leute gibt, die die Autoritäten in
Frage stellen und versuchen, Veränderungen in Gang zu setzen, aber das
ist eben keine angesagte Haltung. Dieses Land, Amerika, ist komplett
rassistisch angelegt. Und da das so ist, wird jeder stillgelegt, der
für die Regierung nicht tolerierbar ist. Popmusik ist leider heute
System-stabilisierend - und das macht mir Angst.
Nun
haben Ihre Texte ja, wenn man sie grob kategorisiert, zwei Spielfelder:
Sie selbst als Hauptfigur und Ihr Hadern mit dem Leben (mit seinen
Möglichkeiten, den Freiheiten, aber auch mit seinen Einschränkungen,
dem Tod beispielsweise) und Gott. In "To Me You Are A Work Of Art"
kommen diese drei Aspekte sehr deutlich binnen weniger Zeilen vor,
indem Sie das Leben mit seinen Schmerzen in Relation zur Politik setzen
und die Katharsis durch die Liebe entgegenhalten. Und auch in "I Just
Want To See The Boy Happy" geht die Liebe mit dem Tod und dem Leben
eine Dreiecksbeziehung ein.
Das ist doch die Position, aus der heraus wir alle existieren müssen.
Davon abgesehen, was wir im Leben sind, gilt doch: Wir müssen uns alle
bewusst sein, dass wir endlich sind und dass Liebe ein großes
Antriebsmoment für das Leben ist. Insofern ist das nichts Besonderes,
was ich da texte, es ist nur das immer gleiche Thema von meiner
aktuellen Perspektive aus.
Ihr
Werk ist ja geprägt von der Suche nach Liebe. Liebe wird dabei mit
einem besseren Zustand verknüpft - was ist aber, wenn Sie am Ende
bemerken, dass diese die Probleme doch nicht zu lösen vermag? Dass ihr
eben nicht die kathartische Funktion zukommt?
Nun, das ist das Versprechen, das uns allen vom Leben gegeben wurde: In
dem Moment, in dem wir uns niederlassen können, wird die Angst von uns
fallen und wir finden zu uns. Das hält doch die Leute pausenlos am
Laufen. Ohne die Aussicht auf eine sehr gefühlvolle Beziehung, die
ihnen mehr als alles andere bedeuten wird, würden die Leute aufgeben,
sich gehen lassen. Die Menschen bleiben doch nicht auf der Welt nur des
Versprechens wegen, dass sie im Jenseits die Güte erfahren werden,
sondern dass sie lieben werden und geliebt werden.
Aber
muss es denn immer eine Partnerschaft sein? Kann man denn nicht auch
Freundschaften mit dieser Bedeutung belegen? So gesehen ist doch Liebe
auch nichts anderes als ein kirchlicher Trick, um die Menschen bei der
Stange zu halten. Wo wir gerade schon bei der Kirche sind: Auf "You Are
The Quarry" resultierte aus Ihrer Auseinandersetzung mit religiösen
Motiven ein Song wie "I Have Forgiven Jesus" - haben Sie für den
eigentlich viel negatives Feedback in den USA bekommen?
Oh nein, so gar nicht. Außerdem ist der Song wirklich nicht antireligiös gemeint, auch wenn es so klingt.
Ich hätte mir das wegen der doch sehr konservativen, regressiven religiösen Gruppen in Amerika gut vorstellen können.
Leute, die nervös werden, werden dies oft nur, da sie die Dinge nicht
ordentlich untersucht haben, nicht zugehört haben. In Rom zu sein ist
insofern seltsam, als dass der Vatikan überall extrem spürbar ist,
emotional, aber auch politisch. Und da der Vatikan ganz gezielt
versucht, auf das Leben aller Einfluss zu nehmen, könnte man auch hier
damit rechnen, dass die Leute unlocker reagieren - aber sie sind happy.
Sie
hadern aber nicht nur mit dem Schicksal, sondern auch mit der
Gesellschaft und deren Normen, die darüber entscheiden, wer Teil von
ihr ist und wer nicht. Ist das etwas, was sich seit der unfreien
Kindposition mit dem Alter verbessert hat? Oder allgemein und nicht
speziell auf Sie gerichtet gefragt: Leidet man im fortgeschrittenen
Alter noch immer unter den Erwartungen und Konventionen, jenseits aller
Selbstbestimmtheit?
Es ändert sich nicht. Wenn du dich als Kind marginalisiert fühlst, dann
bleibt das auch so. Da spielt es keine Rolle, unter was für
Rahmenbedingungen du lebst. Andererseits: Wenn du eine sorgenfreie
Jugend hast und rumtollen kannst, dann wirst du dich auch später frei
fühlen - selbst wenn du in Armut leben musst. Ich glaube fest daran,
dass unser Geist in den formativen Jahren entsteht und dass man danach
absolut nichts mehr machen kann: So ist man dann nun mal: There you go
and off you go and off you suffer ...
Und
selbst dann, wenn man mehr Kontrolle über das eigene Leben hat, die
Gesellschaft nicht mehr in der Form braucht, sehen Sie keine
Möglichkeit, den Druck loszuwerden, den man während der Sozialisation
aufgebürdet bekommen hat?
Wir brauchen alle die Gesellschaft. Wir leben alle in ihr, und wir
müssen auf sie zurückgreifen. Beispielsweise wenn man einen Autounfall
hat und ins Krankenhaus gebracht werden muss, da man nicht mehr selbst
die Kontrolle über das eigene Leben hat. Es kann also niemand
irgendwann sagen, dass er die Gesellschaft nicht mehr braucht. Wir sind
die Gesellschaft.
Ist es eigentlich noch immer so, dass alle Songs einen persönlichen Bezug haben?
Absolut.
Zuletzt sind Sie ja als großer Kritiker der Regierungen Bush und
Blair in Aktion getreten - was ja stimmig in Tradition zu Ihrer
absoluten Ablehnung Thatchers Politik steht, die in "Margaret On The
Guillotine" gipfelte. Inwieweit sehen Sie eigentlich eine realistische
Chance, als Künstler was zu ändern? Ist nicht das System größer als das
einzelne Hassobjekt - und noch schlimmer? Und kann Kunst überhaupt so
große Veränderungen in Gang setzen?
Es ist sehr schwierig. Ich glaube, das Maximale, was Musik leisten
kann, ist, das Leben erträglich zu machen. Mehr kann man leider nicht
verlangen. Wirklich effektive Veränderungen anregen, das funktioniert
schon allein deswegen nicht, da die meisten Leute nicht an Kunst
interessiert sind.
Sehen Sie das wirklich so pessimistisch?
Ja. Das liegt daran, dass die meisten Leute keine künstlerische Ader in
sich tragen - man muss sich ihnen erst ausführlich erklären, und das
ist eine ziemliche schwere Angelegenheit.
Würden Sie sich eigentlich gerne intensiver in die Politik begeben? Etwa wie Bono?
Es ist gut so, wie es ist. Ich bin erstaunt darüber, dass ich noch
immer diese Möglichkeiten habe. Zwanzig Jahre nach "The Queen Is Dead"
wollen die Leute immer noch mit mir sprechen und erwarten das neue
Album ungeduldig. Das ist schon eine sehr ungewöhnliche Position, die
ich einnehme. Wissen Sie, Popstars wirken oft nur politisch, da sie
sich mit Politikern fotografieren lassen. Ich kann mich nicht wirklich
an eine politische Aussage von einem Musiker in den letzten Jahren
erinnern.
Nun
gehen wir alle irgendwann über den Jordan. Reagan, der in Amerika in
den 80ern die Inspiration für Thatcher performte, ist nach langer
geistiger Abwesenheit gestorben, und auch die Eiserne Lady baut immer
mehr ab. Fühlt man da trotz des Wissens um die eigene Vergänglichkeit
Genugtuung? Jugend kann die Ableitung, dass man selbst dran glauben
muss, ja auch gut ausblenden.
Nein, ich freue mich nie am Elend anderer. Ich würde keine Party
schmeißen, wenn sie endlich stirbt, da ich der Meinung bin, dass sie
mit ihren Dämonen leben soll. Sie soll sich alltäglich an all die Leben
erinnern, die durch ihre Mithilfe zerstört wurden. Sie wird nicht als
eine bedeutende Figur in die Geschichte eingehen, da bin ich mir
sicher. Sie hatte vielleicht eine gewisse Bedeutung, als sie noch im
Amt war, aber am Tag, als sie die Downing Street verlassen hat, war sie
schon vergessen. Nicht dass das gut wäre. Irgendwie macht mir das auch
Angst, da das ja generell so mit fast allen Politikern geht. Im einen
Moment sind sie noch im Amt und haben alle Macht der Welt, und im
nächsten, wenn sie das Amt und damit die Macht weitergereicht haben,
sind diese so genannten Führer der Welt nichts mehr. Thatcher war sehr
destruktiv. Die Leute haben sie nie gemocht. Aber sie war sehr
kraftvoll, kommandierte alle herum, und das faszinierte viele an ihr.
Vielleicht
wär es aber besser, wenn die Leute die Dämonen aus der Vergangenheit
besser erinnern würden, da sie so nicht die Dämonen ihrer Zeit wählen
würden.
Bis zu einem gewissen Grad erinnern sie sich schon. Und ganz sicher an
einige Ereignisse während Thatchers Amtszeit: an all die englischen und
argentinischen Jungs, die im Falkland-Krieg getötet wurden
beispielsweise.
Ein sehr dummer Krieg.
Erbärmlich. Aber sie hat das nicht gestört, sie wollte sie in die Luft
jagen. Es war sehr deprimierend zu sehen, was diesen gerade mal
17-jährigen Jungs von dieser ausgewachsenen Frau angetan wurde. Und wie
leicht ihr Entscheidungen von der Hand gingen, die so viele Menschen
töteten. Einfach nur krank.
Da wären wir wieder beim Aspekt, dass manche eben Leben retten wollen und andere vernichten.
Genau. Und ganz sicher ist es heute so, dass Iraki sterben mussten, da
Bush dazu aufgerufen hat, sie zu töten. Und auch Blair. Es wären ohne
die beiden noch so viele Iraki am Leben. Und warum mussten sie sterben?
Was wurde damit erreicht?
Apropos
Lebenretten: Einer, der das im Großen macht, ist PETA-Gründer Dan
Mathews, den Sie als "ideal American Hero" bezeichnen. Hätte Sie ein
solcher Lebensweg auch gereizt?
Ja, und zwar, da ich so sehr an Tieren interessiert bin - nicht an
Menschen wohlgemerkt. Menschen können nach sich selbst schauen,
zumindest die meisten. Dan ist wirklich bemerkenswert. Er hört nie auf
zu kämpfen. Irgendwie schafft er es, immer überall auf der Welt
gleichzeitig aktiv zu sein: Er wird achtmal am Tag verhaftet und in
eine Gefängniszelle geworfen - und das nur, da er immerzu Leben retten
will. Das ist etwas absolut Besonderes.
Gewalt
anzuwenden, wie es die Animal Rights Militia undd Hunt Saboteurs
machen, geht okay, da selbst intelligenten Menschen am Ende kein
anderes Mittel bleibt?
Man muss militant vorgehen, da die andere Seite sehr sehr militant ist.
Die Fleischindustrie ist beispielsweise extrem militant. Wenn du etwas
gegen McDonalds oder eine der anderen omnipräsenten Ketten sagst, dann
werden dich deren Anwälte massiv einzuschüchtern versuchen. Insofern
muss man mit den gleichen Mitteln kämpfen.
Stichwort
Vegetarismus: Ein Freund von mir, Jens Friebe, hat den tollen Song "An
Der Theke Mit Den Toten Kaufst Du Ein" geschrieben - Sie betonen ja
angenehmerweise auch immer die Bedeutung des Themas. Fällt es Ihnen
eigentlich leicht, auf Fleisch zu verzichten, oder ist es ein Prozess
der Selbstdisziplinierung?
Es ist grundsätzlich eine moralische Angelegenheit. Es ist eine Frage
der Intelligenz. Die Gehirne vieler Leute scheinen nicht richtig
geformt zu sein, arbeiten nicht richtig. Sie können nicht die richtigen
Schlussfolgerungen ziehen, sehen nicht das kontinuierliche Leid, das
angerichtet wird. Es ist ein Problem der Intelligenz und der fehlenden
Aufklärung - in Deutschland ist ja Vegetarismus angenehmerweise sehr
weit verbreitet. Wissen Sie, es ist schon so viel gesagt worden über
die Grausamkeiten, die man den Tieren antut, dass die Leute es
eigentlich wissen sollten - man kann doch nicht wirklich intelligent
sein und trotzdem noch immer Fleisch essen. Das ist unmöglich. Es gibt
kein intelligentes Argument für das Töten von Tieren. Die Menschen
brauchen das Fleisch nicht. Wenn es ihnen etwas zufügt, dann Schmerz.
Es macht krank und fett. Von daher muss das einfach mal aufhören. Und
wenn ich mir die extremen Seuchen unserer Zeit anschaue, wie
beispielsweise die Vogelgrippe oder den Rinderwahnsinn, dann frage ich
mich, was die Öffentlichkeit noch an Zeichen braucht.
Und trotzdem habe ich zuletzt eher das Gefühl gehabt, dass die Leute gar zum Fleisch zurückkehren im fortgeschrittenen Alter.
Die meisten Leute sind sehr simpel gestrickt und wollen auch ein
einfaches Leben führen. Sie wollen am Ende doch nur an alten
Gewohnheiten festhalten - und betonen zur Rechtfertigung gerne, was die
Menschheit alles in den letzten 700 Jahren geleistet hat. Es ist sehr
schwer, diese Leute zu bitten, mit etwas aufzuhören, auch wenn es
eigentlich nur zu ihrem Besten ist - für ihre Gesundheit und für die
der Tiere. Die Leute mögen es nicht, wenn man ihnen vorschreiben will,
sich einzuschränken.
In
vielen Ihrer Aussagen wird deutlich, dass Sie nicht gerade ein gutes
Bild von der Menschheit haben. Würden Sie sagen, dass Sie für jeden
Ihrer zehn Finger eine Person sehen, mit der Sie es sich vorstellen
könnten, ein Jahr gemeinsam zu verbringen?
Ja.
Sie hassen also nicht alle Menschen?
Nein, keineswegs. Aber ich halte die menschliche Rasse für sehr überbewertet.
Wir denken halt, wir seien das Meisterwerk der Natur.
Aber warum? Ich weiß wirklich nicht, warum die Menschen das denken. Wir
halten uns für so verdammt wichtig, dabei sind wir letztlich auch nur
verwesendes Material, werden keinen Einfluss auf irgendwas gehabt haben
- und trotzdem denken wir, dass unser Leben so bedeutend ist und
irgendeinen tieferen Sinn hat.
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Gruppen
Mutabor
Mit ihrem Stilmix aus Punkrock, Ska und verschiedenen Folk-Einflüssen wurde Mutabor seit ihrer ersten Veröffentlichung (1997 Virgin) oft als deutscher Vertreter des Folk-Punk geführt. Mit ihrer zweiten Veröffentlichung (2001 Makanabeat / Soulfood) erweiterte die Band ihr musikalisches Spektrum in Richtung Pop und Reggae.




