The Sparks

Das Senium tut gar nicht weh

27.03.2006, 16:19, Text: Eric Leimann, Eric Leimann

Selten wird an dieser Stelle über das aktuelle Album einer Band berichtet, die sowohl Queen als auch die Pet Shop Boys, Erasure und Soft Cell beeinflusst hat - nicht etwa umgekehrt. Doch das 20. Album einer der ältesten Kultbands der Popgeschichte erfordert besondere Maßnahmen. Das neue Werk der Sparks, \"Hello Young Lovers\", ist eine Herausforderung des Popgenres an sich selbst. Ein einsames Statement in Sachen Grandiosität.

Die Fanjournalisten sind kaum rauszukriegen aus der Sparks-Suite. Männer über 40 mit grauen Bärten und schlabbrigen Pullovern, wahrscheinlich Familienväter, sie wollen unbedingt noch Autogramme und Fotos. Viele Autogramme auf immer mehr CDs und Schallplatten, die sie aus Plastiktüten herausziehen.

Und immer mehr Fotos. Noch eins mit dem schönen Sänger Russel im Arm (Jahrgang 53), dann ein letztes mit Bärtchenträger Ron (Jahrgang 48) am weißen Flügel (!) der Suite. Bevor die öffentlich-rechtlichen Rundfunkkollegen endlich das weiß-goldene Zimmer verlassen, versichern sie Russel und Ron noch, dass sie ihnen natürlich gerne eine der verschollenen Sparks-Platten zuschicken werden, die die Musiker selbst nicht mehr besitzen. Erlebt man auch nicht alle Tage. Die fürs Intro geplante \"Kochen Mit\"-Strecke hatten die Sparks abgelehnt. Mit dem lakonischen Wort: Because we are no youngsters any more. Doch wer daraus latente Altstar-Allüre herauslesen will, liegt falsch. Die Brüder Mael aus Los Angeles sind die Freundlichkeit selbst. Trotz ihrer 35 Jahre im Musikgeschäft geben sie sich als gute Zuhörer. Sie verstehen sich auf reflektierte Selbsteinschätzung, und trotz dieser authentischen Charme-Offensive bleibt immer noch Raum für ein bisschen Show, das tradierte Rollenspiel des ungleichen Brüderpaares: Russel, der aufgeräumt und gut gelaunt sprudelnde Westcoast-Buddy. Und Ron, der statisch wie eine ausgeknipste dünne Puppe auf seinem Stuhl hängt und sich nur durch einen Frageimpuls in einen sonor antwortenden Bariton mit Bärtchen verwandelt.

The Mortality Issue

1974, nach ein paar erfolglosen Platten in der amerikanischen Heimat, wanderten die Sparks in ihr heiß geliebtes UK-Popwunderland aus und landeten mit der absurd überkandidelten Glamrock-Minioper \"This Town Ain't Big Enough For Both Of Us\" ihren ersten großen Hit, Platz 2 der Single-Charts. Queen hatten ein gutes Jahr später mit \"Bohemian Rhapsody\", einem stilistisch sehr ähnlichen Song, ihren Durchbruch und wurden eine der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte. Queen gaben immer wieder zu, dass sie stark von den Sparks beeinflusst wurden. Haben also Queen den Sparks die Karriere gestohlen, Ron? \"Wir haben doch auch eine unglaubliche Karriere gemacht. Ich meine: Das ist jetzt unser zwanzigstes Album, und wir haben immer wieder musikalisch wichtige Alben gemacht. Natürlich ist bei Queen der Tod von Freddy Mercury dazwischengekommen. Aber im Sinne der Kreativität können wir uns glücklich schätzen. Über eine sehr lange Zeit betrachtet waren wir immer wieder musikalisch relevant.\" Stimmt, eine Relevanz, die den Sparks im neuen Jahrtausend so fast niemand mehr zugetraut hätte. Die Mael-Brüder, das ist auch eine Karriere im Dilemma. Glamrock, Disco-Minimalismus, Progressive Pop. Dass man die Sparks stilistisch nicht so richtig dingfest machen kann, liegt wohl daran, dass sie sich in ihrer langen Bandgeschichte immer wieder neu erfunden haben. Meistens war ihre Musik ein bisschen seltsam, doch aus Versehen sind ihnen dennoch einige Hits geglückt. \"Es gab immer gute Gründe für unsere stilistischen Wechsel\", erzählt Russel. \"Manchmal hat man das Gefühl, dass man das, was man sagen oder erreichen will, in einem neuen Kontext probieren muss. Als wir Ende der Siebziger das 'Number One Song In Heaven'-Album mit Giorgio Moroder aufnahmen, waren wir die erste Rockband, die mit ihm arbeitete. Plötzlich waren wir ein Duo und verwendeten Elektronik und Dance-Rhythmen. Es gibt gewisse Konstanten bei den Sparks: meine Art zu singen, Rons Songwriting und seine Texte. Alles andere wollten wir von Zeit zu Zeit immer mal wieder verändern. 1974 klang 'This Town Ain't Big Enough For Both Of Us' total neu. Und auch 'Number One Song In Heaven' wurde zum Modell für andere Bands in England, die einen ähnlichen Weg verfolgten: die Pet Shop Boys, Erasure oder Soft Cell. Nach unserem Schritt war es plötzlich akzeptabel für eine Band, als Duo zu arbeiten und Elektronik einzusetzen. Jetzt haben wir wieder etwas Neues probiert, um die Dinge frisch zu halten und vorne dabeizubleiben.\"

Die nicht aus dem Popdienst ausscheiden Wollenden

Vorne dabei sind die Sparks mit \"Hello Young Lovers\" auf jeden Fall. Mancher würde sagen: weit draußen. Ein Popverständnis, das ähnlich frei gefasst ist wie das von Björk oder Scott Walker. Ungläubige Schnelleinsteiger in den neuen Sparks-Kosmos bezeichnen das verrückte Machwerk als puren Stress: meterhohe Chorwände, rockopernhafte Stakkato-Rhythmen und dazu skurrile Liebesgeschichten. Bis zu 70 Gesangsspuren pro Stück hat Russel Mael eingesungen. \"Wir haben immer mehr Spuren aufgenommen, meinen Gesang immer weiter aufgetürmt. Die Stimmen sollten die Musik dominieren und viele andere traditionelle Instrumente ersetzen. Stellen im Song, an denen man aggressive Gitarren oder ein heftiges Schlagzeug erwartet, solche Momente haben wir mit Stimmen ausgekleidet, die denselben Effekt produzieren.\" Das wirklich Beeindruckende an \"Hello Young Lovers\" ist jedoch, dass sich das komplexe Machwerk nach einigem Hören in unglaublich gute Popmusik verwandelt, die man mitsingen will, wozu man gar tanzen mag. Schneller geht es, wenn man die fantastischen Visuals zum Album bei einem Sparks-Gig verfolgen kann. So geschehen beim einzigen Frühjahrskonzert in Hamburg. Da boxt Ron Mael gegen seine eigene Comicfigur oder kämpft im Song \"Rock, Rock, Rock\" gegen riesige Verstärkertürme. Bleibt zu hoffen, dass sich möglichst wenig Menschen mit gutem Popgeschmack von der hier völlig cool angebrachten Artrock-Attitüde schocken lassen. Das hervorragende Album will umarmt und die vielleicht beste Rockoper des frühen 21. Jahrhunderts live nicht verpasst werden. Ob die Mael-Brüder das, was sie tun, immer noch für Pop halten? Oder sind sie eher auf den Spuren der Kunst unterwegs? Russels Antwort lässt daran keinen Zweifel: \"Wir glauben ganz fest daran, dass unsere Musik Pop ist. Pop ist unser Antrieb, wir wären nicht glücklich damit, irgendein randseitiges Kunstprojekt zu sein. Geht es nach uns, sollte sich moderne Popmusik genau so anhören. Wir hatten in der Vergangenheit schon mit sehr unkonventioneller Musik große Hits. Auch jetzt machen wir Pop. Wir lieben Pop! Aber dieses Genre ist mittlerweile älter als 50 Jahre. Da haben sich so viele Konventionen eingeschlichen, dass man alles tausend Mal gehört hat. Also möchten wir neue Wege finden. Trotzdem wollen wir im Pogeschäft weiterarbeiten und ein Teil dieses Genres bleiben.\"


\"When Do I Get To Sing My Way\"
... hieß der einzige große Sparks-Hit in Deutschland. Anfang 1995 hielt sich das beste Pet-Shop-Stück, das nicht von den Boys stammt, zwölf Wochen lang in den deutschen Single-Charts. \"Es war verrückt\", sagt Ron, \"die Deutschen hielten uns für eine neue Band.\" In dem auf Heavy-Rotation laufenden, äußerst humorvollen Video gaben sich der 42-jährige Sänger und sein 47-jähriger Bruder entsprechend viel Mühe, wie frische Teenager auszusehen.

\"Lil' Beethoven\"
... hieß das letzte Album der Sparks. Bereits vier Jahre vor \"Hello Young Lovers\" zeigt es, wohin die Soundreise gehen sollte: Miniopern und ironische Pop-Dramulette. Auf der gerade erschienenen DVD \"Lil' Beethoven - Live In Stockholm\" kann man sich ein Bild davon machen, wie die Sparks Animationen und tragikomische Slapstick-Einlagen einsetzen, um ihren musikalischen Kosmos auf der Bühne zu verdeutlichen. Bei \"Hello Young Lovers\" funktioniert dies live genauso, nur das Album ist noch besser.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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