The Red Krayola

Kollektive Anstrengung der Improvisation

27.03.2006, 16:10, Text: Felix Klopotek, Felix Klopotek

Seit vierzig Jahren geht der Texaner Mayo Thompson mit seiner Band Red Krayola konsequent jedem kommerziellen Erfolg aus dem Weg: Er war bei fast allen Rock-Revolutionen der letzten Jahrzehnte dabei - aber immer am Rand. Er schreibt großartige Songs - aber spielt sie absichtlich kaputt. Er versammelt um sich die stets besten Musiker - und lässt sie Sachen spielen, auf die sie sonst nie kommen wollen würden. \"Introduction\", das neue Album Red Krayolas und ihr erstes seit fünf Jahren, verfolgt diesen Weg der charmanten Verweigerung weiter. Trotzdem klingt fast alles anders.

Es heißt, man könne die moderne Jazzgeschichte vom Standpunkt Miles Davis' aus erzählen.

An allen Innovationen und Stilwechseln war der Trompeter nicht nur federführend beteiligt, er hat die jeweilige Innovation schon im Moment des Aufbruchs kommentiert, sich zu ihr in ein kritisches Verhältnis gesetzt. Deshalb ist sein Cool Jazz nie nur Cool Jazz gewesen, sein Jazzrock immer schon abweichend vom Mainstream.

Das Gleiche kann man über den Gitarristen, Sänger, Produzenten und Bandleader Mayo Thompson sagen: Es ist möglich, die Geschichte der modernen Rockmusik ganz aus der Perspektive des bald 63-jährigen Exil-Texaners zusammenzufassen: \"The Parable Of Arable Land\", das 1967 erschienene Debüt Red Krayolas, ist eines der ersten Psychedelic-Rock-Alben und schon ein Kommentar zur heraufziehenden Hippie-Ära: Die Free-Your-Mind-Ästhetik konfrontieren sie mit harschen, ausschweifenden Noise-Freak-outs.

\"Corrected Slogans\", 1976 erschienen, Mayo Thompsons Kooperation mit Art & Language, ist ein linksradikales Polit-Folk-Agitationsalbum. Aber die Musik klingt wie kein anderer Agit-Folk: Die Texte sind zu komplex, die Melodien scheinen zu banal, die Sänger haben Mühe, Text, Versmaß und Melodie irgendwie zusammenzubringen. Ende der 70er-Jahre,

Mayo Thompson ist nach London gezogen, regiert Punk, und Red Krayola sind mittendrin: \"Soldier Talk\", \"Kangaroo?\" und \"Black Snakes\" sind brillante New-Wave-Alben. Thompson steigt bei Pere Ubu ein, fängt an, für Rough Trade zu arbeiten. Zunächst im Vertrieb, dann als Produzent. Unter seiner Ägide werden zahlreiche Popklassiker aufgenommen: Alben von The Fall, The Raincoats, Scritti Politti, James Blood Ulmer, Primal Scream, Stiff Little Fingers ...

Ende der 80er findet sich Thompson in Düsseldorf wieder, geht 1991 zurück in die Staaten und wird von David Grubbs zu einem Comeback überredet. Thompson, im Laufe der Jahre die einzig konstante Größe innerhalb eines ständig wechselnden Line-ups, stellt eine traumhafte Gruppe zusammen: mit den Postrock-Stars David Grubbs, Jim O'Rourke und John McEntire, den Künstlern Stephen Prina und Albert Oehlen, den L.A.-Punks George Hurley (Minutemen) und Tom Watson. Die folgenden Alben \"Red Krayola\" (1994), \"Amor & Language\" (1995) und \"Hazel\" (1996) passen perfekt in die Hochzeit des Postrock - ohne dass auf ihnen irgendwas wie Postrock klingen würde.

Thompson quittiert diese wechselvolle Geschichte mit einem Achselzucken: \"Jedes Album dekonstruiert das vorhergehende. Das neue Album steht immer in einem besonderen Verhältnis zum Vorgänger; wenn es nicht als wertlose Kopie des älteren durchfallen will, müssen sich die Musiker an dem bekannten Material abarbeiten, es überwinden, mit ihm brechen.\"

Man könnte noch einige Wendungen und legendäre Begebenheiten aus der Musikerbiografie Thompsons mehr aufzählen - und müsste sich die Frage gefallen lassen: Okay, der Typ ist immer am Puls der Zeit gewesen, aber warum eigentlich ist er nicht berühmt? Der Vergleich mit Miles Davis hilft weiter: Wenn Davis immer den zweiten Schritt gegangen ist - nicht nur die Innovation mitmachen, sondern sie reflektieren, sie zu sich selbst in ein Verhältnis setzen -, dann geht Thompson noch einen dritten: Er dekonstruiert seine eigene Rolle. Die Alben Red Krayolas kommentieren nicht nur die Musik zur Zeit, sie hinterfragen sich auch laufend selbst: \"Many people just play the changes, I like to change the play.\" Viele seiner Alben klingen merkwürdig abgemischt und bizarr arrangiert. Thompson mutet sich Gesangspassagen zu, die seine Kapazitäten übersteigen. Und überhaupt die Songs: Auf \"Introduction\" etwa gibt es keine Refrain-Strophe-Schemata, die Songs wechseln die Tonarten, meistens überraschend. Wo eben noch eine bedrückend schöne Folk-Melodie war, quäkt jetzt Thompsons Stimme.

Nichts davon ist durch Unvermögen passiert, jedem Scheitern der Band geht ein wohlüberlegter Schritt voraus. Wenn jemand in all den Jahren kommerzielles Potenzial verschenkt und vernichtet hat - dann Thompson. Seine Bezugsgrößen sind denn auch die großen Improvisatoren Thelonious Monk und Albert Ayler, die sehr frei waren im Umgang mit Songs und Melodien: \"Es ist fast egal, was man spielt. Albert Ayler hat über Kinderlieder und Weihnachtsschnulzen improvisiert. Es ist, als sprenge er jede einzelne Note von innen auf. Und Thelonious Monk - der hat wirklich verrücktes Zeug geschrieben. Aber es klingt noch verrückter, wenn er es spielt. Wie er die Akkorde hämmert, wie er dabei stockt und stolpert - das ist große Klangkunst.\"

Was seine Musik im Innersten zusammenhält, ist die kollektive Anstrengung der Improvisation: \"Ich lebe von der Improvisation. Du kannst alle Bestandteile eines Songs fixieren: den Text, die Melodie, den Rhythmus. Aber diese Bestandteile zusammen genommen ergeben noch keinen Song. Ein Song entsteht daraus erst im gemeinsamen Spielen. Jedes Mal, wenn die Band zusammen spielt, spielt sie anders, also klingt auch der Song anders. Er lebt durch die Improvisation. Wir sind doch keine Jukebox, die immer das gleiche Lied ausspuckt.\" Seine Improvisationshaltung unterscheidet sich deutlich vom Jazz. Die Schichtung von Sounds durch ihre Parallelität ist für ihn entscheidender als Jazz-typische \"Call and Response\"-Mechanismen. \"We don't play together, we play at the same time\" ist das Credo von Red Krayola.

Wie wichtig ist in so einer langen Geschichte, in der sich Kontinuität und Bruch exemplarisch verklammern und in einer produktiv widersprüchlichen Einheit stehen, noch ein neues Album? \"'Introduction' ist die freundlichste und ausgeglichenste Platte, die ich seit 'Corrected Slogans' gemacht habe. Bei allen anderen Produktionen war ich in einer deprimierten Stimmung.\" Und weiter: \"Die zentrale Idee des Albums ist Frieden.\" Thompson muss an dieser Stelle breit grinsen. Aber tatsächlich: Das Album, von Tortoise-Schlagzeuger und Produzent John McEntire perfekt in Szene gesetzt, strahlt eine große Ruhe und Konzentration aus. Waren frühere Alben auf den ersten Eindruck unzugänglich, wenn auch tatsächlich große Rockepen, so scheint \"Introduction\" sehr offen zu sein, ist aber auf den zweiten Blick voller Fallstricke, Holzwege und Abseitigkeiten. Pop-Verweigerung mit den Mitteln von Pop. \"Getan ist getan. Ich wiederhole mich nicht. Natürlich [fängt an zu lachen] - ich wiederhole mich: Ich sage ja immer, ich wiederhole mich nicht.\"


Art & Language
1968 gegründete britische, strikt kollektiv arbeitende Konzeptkunstgruppe, die die politischen, ökonomischen, kulturbetrieblichen und historischen Regeln des Kunst-Machens offen legt und darüber zu linksradikalen Positionen vorstieß. Der harte Kerne der Gruppe Mel Ramsden, Michael Baldwin und Charles Harrison ist heute noch aktiv.

David Grubbs
Gitarrist und Sänger der Hardcore-Band Bastro, Gitarrist und Sänger der Experimental-Band Gastr Del Sol, Gitarrist und Sänger der David Grubbs Band. Komponist von Neuer Musik und eloquenter Connaisseur moderner Kunst. Steht exemplarisch für die 90er-Jahre-Synthese aus Post-Hardcore und Avantgarde.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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