The Kooks

Fünf Minuten

27.03.2006, 11:20, Text: Heiko Behr, Heiko Behr

Diese Engländer. Oder vielleicht besser: diese Londoner. In Deutschland bespielen Bands gesichtslose Discos, groteske Mehrzweckhallen oder im besten Falle heruntergerockte Clubs, denen man einen gewissen Charme zugesteht. Weil eben selten mehr geht. Nicht so in London: Das Koko in Camden Town strahlt mit seiner relativ schlichten Fassade selbst im fahlen Nachmittagslicht eines Spätwinters eine Aura aus, der man sich nicht entziehen kann. Alles riecht nach Glanz und Gloria, nach Geschichte der ewigen Popnation. Und all das ist für den Londoner auch noch business as usual. Mit der gleichen beiläufigen Selbstverständlichkeit begrüßt mich Tony, der bärige Begleiter der Kooks, nuschelt Unverständliches, haut mir dann auf die Schulter und lacht.

Er ist zufrieden.

Und er hat auch allen Grund dazu: \"Seine Jungs\", wie er sie nennt, spielen heute im Rahmen der pompös-kryptisch betitelten \"Shock Wave NME Awards Tour\". Während ich in den Labyrinth-artigen Backstagegängen hin und her laufe und auf meine halbe Stunde mit den vier aus Brighton warte, stapft Tony immer wieder an mir vorbei, haut mir auf die Schulter und grinst vielsagend: \"Noch fünf Minuten.\" Nach fünfzehn \"Fünf Minuten\" höre ich dann plötzlich bekannte Töne aus dem Bauch des Koko aufsteigen: \"Seaside\", der akustische Opener des Debütalbums \"Inside In / Inside Out\", gespielt von den Kooks. Sänger Luke Pritchard tänzelt während des Soundchecks am Bühnenrand umher, umgarnt seine Kollegen, springt im Ausfallschritt vom Drumset hinab, rennt im Kreis und schreit, singt, grölt, säuselt - beim Soundcheck, wohlgemerkt. Tony feixt quer durch den Raum zu mir hinüber, zuckt die Achseln und signalisiert: \"Noch fünf Minuten.\" Wenigstens kann er mir nicht auf die Schultern hauen.
Dann endlich sitze ich dem knapp 20-jährigen Luke in einem kleinen, offenen Raum direkt hinter der Bühne gegenüber. Die Wände sind mit rotem Samt beschlagen, mein Aufnahmegerät liegt auf einem vergoldeten runden Tisch. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Großen des englischen Pop-Showbusiness. Hier scheint sich Luke wohl zu fühlen:

Wir müssen mal anfangen mit der üblichen Frage, auch wenn's für dich jetzt langweilig wird: Wie kamt ihr eigentlich zusammen?
Wir sind aufs College gegangen in Brighton. Wir waren zwar nicht gleich alt, aber doch in den gleichen Klassen. Aber weißt du, ich kann's gar nicht mehr genau sagen, wie das alles kam. Das ist so wie mit Beziehungen - plötzlich weißt du gar nicht mehr, wie alles anfing mit deiner Freundin. Wir haben uns eher über Freunde kennen gelernt und dann darüber gesprochen, eine Band zu gründen. Wir waren zuerst zu dritt und suchten noch einen Bassisten. Auf einer Party trafen wir dann Max, und dann kam alles zusammen, und plötzlich waren wir komplett. Das alles war vor drei Jahren.

Während Luke mir die uralte Geschichte von den Anfängen erzählt, wuschelt er sich ständig durch seine güldene Lockenpracht - die vermutlich schon jetzt ganze Heerscharen britischer Teenies irre macht. Offenbar driftet er kurz in die Vergangenheit, die tatsächlich noch nicht allzu lange her ist:
Luke zog es früh und zielstrebig nach Brighton zum Institute of Modern Music, wo er auf Hugh Harris (Gitarre), Max Rafferty (Bass) und Paul Garred (Schlagzeug) traf. Eine Karriere nach Maß also, alles Teil eines großen Plans, wie in der britischen Presse schon hämisch vermutet wurde? Luke lächelt nun nicht mehr, er ist wieder im Jetzt:

Ach, das ist doch Quatsch. Weißt du, es ist schon fast ironisch, weil das so diese Art Institutionen sind, die Popstars ausbilden wollen. Man sieht da so viel Verzweiflung, wie sehr die Studenten alle ihre Karriere wollen! Wir stehen für etwas ganz anderes. Da haben sie nur noch von Labels gesprochen, und, ganz ehrlich, das hat uns eigentlich gar nicht interessiert. Wir wollten uns nur auf die Musik fokussieren. Wir haben auch nie Demos verschickt oder so.
Wie kam es dann zum Plattenvertrag?
Durch Zufall war ich mit Paul in einem Pub, und da stand so ein Typ vor uns und sagte, er suche Bands. Daraufhin wir: \"Oh, wir sind The Kooks, wir sind eine Band.\" Und dann er: \"Was macht ihr so?\" Und wir: \"Ach, Lou Reed und The Clash.\" Diese Kombination fand er interessant, er gab uns seine Nummer. Am Tag, als wir das Demo, zu dem wir uns dann doch durchgerungen hatten, fertig stellten, rief uns jemand anderes an und fragte: \"Wollt ihr nicht mal bei mir vorspielen? Ihr seid mir empfohlen worden.\" Wir haben ihm dann unser Demo zugeschickt, und zack, schon hatten wir einen Vertrag, schon hatten wir einen Manager. Wir haben unseren Vertrag dann wirklich zwei Monate nach unserer Gründung unterschrieben, Wahnsinn, oder?

Ja, das ist Wahnsinn. Und auch die weiteren Eckdaten im Vorlauf zum Album klingen irre: Angeblich nahmen sie buchstäblich Hunderte von Songs innerhalb von zweieinhalb Jahren auf. Da jedes Mitglied angeblich über eine riesige Plattensammlung verfügt, es dabei aber kaum zu Überschneidungen kommt, wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Wo andere Bands versuchen, ihren eigenen Sound zu finden, beackern The Kooks in ihren Songs munter nacheinander die verschiedensten Felder. White-Reggae ebenso wie Punk, Funk ebenso wie Blues. Was aber noch irrer ist: Das macht tatsächlich auf dem Album Sinn, ihre pure Energie hält den ganzen Laden zusammen. Wie das kommt? Auftritt Starproduzent. Tony Hoffer, der sich sonst um so nichtige Namen wie Beck, Air, Supergrass oder Phoenix kümmert, hat ihr Debüt produziert.

Was hat denn euer Produzent dazu gesagt, als ihr ihm dieses Sammelsurium an Sounds vorgespielt habt?
Er war unglaublich relaxt und hat uns unsere Fehler machen lassen. Er sagte, wir sollten einfach kreativ sein und herumprobieren. Aber er hat uns auch klar gemacht, dass wir hier ein Album machen! Im Grunde wollten wir dabei aber alle dasselbe: Es sollte ein funktionierendes Ganzes sein, und es sollte eine Geschichte erzählt werden.
Hattet ihr keine Angst, dass die Leute später sagen würden: \"Tja, und was genau ist jetzt der Sound dieser Band?\"
Oh, das kann ich nachvollziehen im Nachhinein, aber darüber denke ich einfach nicht nach. Man wird verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Es geht doch um Musik und um meine Band. Wir drängen uns da niemandem auf. Wir wollen immer überraschend bleiben.
Habt ihr deshalb auch diese langsame Nummer an den Anfang gesetzt - um die Leute auf die falsche Spur zu bringen?
Genau das ist es. Nicht um mit ihrem Kopf zu ficken, wir wollen anders bleiben. Auch live bringen wir \"Seaside\" zu Beginn. Als wir in Frankreich waren, haben wir alle Bob Dylan gehört. Er hat ja vom Akustikset auf ein elektrisches Set übergeschwenkt, und wir dachten: \"Das ist es!\" Sie haben eine Indieband aus London erwartet, und wir haben einfach ein Akustikset gespielt!
Aber ihr habt nicht gleich erwartet, dass jemand \"Verräter!\" schreit.
Ach nein, dafür war es ihnen nicht wichtig genug.
Aber wo du Dylan erwähnst: Orientierst du dich also eher an älteren Songwritern?
Eigentlich schon. Neil Young, Leonard Cohen. So folkiges Zeug. Ungewöhnlich für dein Alter, oder?
Nein, viele meiner Freunde hören alte Musik. Dylan ist ein Genie, ein Poet. Es gibt zwar gute neue Bands, aber nur wenige. Wir sind übrigens eine von ihnen.


Technik
\"Wir hatten es uns in den Kopf gesetzt, alles auf Tape aufzunehmen und keine Computer zu benutzen. Die Tapes mussten teilweise erst angeliefert werden aus sonst woher - kein Mensch arbeitet heute noch so. Aber wir wollten eine Art Livealbum machen, keine Overdubs. Dazu jeder Song mit unterschiedlichem Mikro, unterschiedlicher Gitarre, unterschiedlichem Drumset.\"

Bob Dylan / Judas
Beim Newport Folk Festival 1965 versetzte Bob Dylan seinen Folk-Anhängern einen heftigen Schlag: Plötzlich stand er - sonst solo und mit akustischer Gitarre - elektrisch verstärkt auf der Bühne, in Bandstärke. Die Erschütterung seiner Fans gipfelte in der legendären \"Judas\"-Beschimpfung eines empörten Zuhörers im Jahr darauf während der Englandtournee. Dylan antwortete: \"I don't believe you! You're a liar!\" drehte sich zur Band und befahl: \"Play fuckin' loud!\"



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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