
Deutsch und kein Ende
Jahresrückblick 2005
25.12.2005, 08:00, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Nachdem die Debatte um die deutsche Radioquote im Bundestag angekommen war, schien das Thema erledigt. Sie hatte sich als das herausgestellt, was sie von Anfang an war: eine Scheindebatte, bei der den Verfechtern weniger daran gelegen war, die Quote de facto durchzusetzen, vielmehr sollte mit ihr ein Diskurs hoffähig gemacht werden, der \"ausländischem Schund\" (Heinz Rudolf Kunze) die immer wieder unterstellte Qualität inländischer Pop-Produkte entgegensetzte. Auf der Homepage der vom politisch bedenklichen, immer wieder gegen das \"Denglisch\" ins Feld ziehenden \"Verein Deutsche Sprache\" unterstützten Kampagne \"Alle in eigener Sache\" wird angemerkt, dass die Quotenforderung nicht \"deutschtümelnd\" sei, im Gegenteil: \"Die jetzige Quasiquote ist amerikatümelnd.\" Amerikatümelnd? - Wie kommt es dann, dass, wann immer ich das Radio einschalte, weder Sonic Youth noch Bright Eyes, sondern Grönemeyer und Co.
Das Gerangel um die Quote hatte sich zwar 2005 weitestgehend erledigt, die in der Diskussion gestreute Saat war jedoch überall in Kultur und Medien aufgegangen. Die Rede ist von der offenkundigen Wechselbeziehung zwischen Antiamerikanismus einerseits und einer reaktionären bis revanchistischen Geschichtsschreibung andererseits, die vom \"Wunder Von Bern\" bis zu den deutschen Bombenopfern bei Jörg Friedrichs reicht und 2005 in der neoliberal poppig daherkommenden Initiative \"Du bist Deutschland\" gipfelte. \"Gib nicht nur auf der Autobahn Gas\", lautet ein Appell der Initiative. Dass die in Deutschland mit dem Wort Gas verbundene Assoziation an den Holocaust keinem der Macher mehr auffiel, zeigt bereits die Geschichtsvergessenheit, die solche Aktionen erst hat möglich werden lassen. \"Der Untergang\" trug seinen Teil dazu bei, die Kollektivschuld in der Fratze des Monsters zu bannen.
All das hat mit Pop freilich nur insoweit zu tun, als dass sich Pop inmitten des neu erstarkten nationalen Taumels zwar nicht als Avantgarde hervorgetan hat, sehr wohl aber Teil des Symptoms ist. In dem Maße, in dem ein Großteil der Gesellschaft wie Guido Knopp tickt, hat auch Pop begonnen, wie Guido Knopp zu ticken. \"Kommerziell hat es Mia. weniger geschadet als genutzt\", kommentierte Alfred Hilsberg von What's So Funny About die schwarz-rot-goldene Mia.-Initiative \"Angefangen\" und bringt damit auf den Punkt, dass jeglicher Protest gegen solche Phänomene kaum mehr eine Reichweite hat.
Falsch wäre an dieser Stelle jedoch, zu beklagen, dass die Popkultur ihr einst linkes Selbstverständnis verloren habe. Es ist vielmehr möglich geworden, wie Mia. bewiesen haben, sich zugleich stolz zu Deutschland zu bekennen und als links zu fühlen. \"Links-Sein\" oder \"Sich-links-Fühlen\", das hat bereits die rot-grüne Koalition vorgelebt, schließt Nationalismus nicht aus, erst recht nicht, seit der sich pazifistisch gegenüber \"den USA\" abzugrenzen versteht. So verwundert es nicht, dass gerade die einmal als links gehandelte taz zum Patrioten-Rap eines Fler anmerkte, man könne sein \"Spiel mit deutschen Symbolen aber auch als letzte Konsequenz des Lebens in einer multikulturellen Gesellschaft begreifen\". Im Klartext: Wo alle Flagge bekennen, muss uns die deutsche auch nicht mehr weiter stören. Es gibt aber auch Bands, die auf solche Tendenzen genervt reagierten: \"Aber Hier Leben, Nein Danke\" von Tocotronic sollte ein Zeichen setzen, \"ganz einfach\", so erklärte Dirk von Lowtzow gegenüber der FR, \"weil wir anders sozialisiert sind - nämlich stramm links\". Auch für die im August mit einer Buch- und CD-Veröffentlichung gestartete Initiative \"I Can't Relax In Deutschland\", an der ich mich mit einem Textbeitrag beteiligt habe, ist es keine Frage, dass linkes Denken und Nationalismus einander ausschließen. So selbstverständlich ist das leider in diesem Land nicht mehr und wohl auch nie gewesen. \"Yankees raus\", hatten schon 1982 die als Sprachrohr der Linken gehandelten Slime ins Mikro gebrüllt. So dumm der Antiamerikanismus damals schon war, hätten Slime zugleich jedoch auch den Slogan \"Deutschland verrecke\" unterschrieben. Leider ist im Laufe der Jahre die falsche der beiden Parolen auf der Strecke geblieben.
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